Neue Klassik: Finanztest verirrt sich bei Aufklärung von Irrtümern

Detlef Pohl Berater Top News Versicherungen LV-Check

Tester sollten EZB und Politik kritisieren

Tatsächlich bringen Verträge der „Neuen Klassik“ mit abgesenkten Garantien nicht sicher mehr Ertrag als Verträge mit voller Garantie („Alte Klassik“), aber sie bieten zumindest die Chance auf mehr Ertrag. Grund: Die eingesparten Absicherungskosten für die volle Garantie können der freien Kapitalanlage zugutekommen. Die Neue Klassik kommt also mit weniger Geld im Deckungsstock aus und hat mehr Kapital für die Fondsanlage oder alternative Investments zur Verfügung (procontra berichtete).

Ähnlich ist es bei Indexpolicen: Bei diesen konventionellen Rentenversicherungen wird die Überschussbeteiligung zur Finanzierung der Indexpartizipation verwendet. In guten Jahren bringt das mehr Ertrag, in schlechten womöglich keinen Wertzuwachs im Vertrag (procontra berichtete).

Finanztest meint, dass es sich nicht lohnt, in der Hoffnung auf höhere Überschüsse auf volle Garantien zu verzichten. „Es gab keine guten Angebote mit weniger Garantie“, heißt es mit Verweis auf den letzten Test privater Rentenversicherungen (Dezember-Heft 2019), wo alte und neue Klassik verglichen worden waren.

Konträre Bewertung von Rentenpolicen

Das sieht das Institut für Vorsorge und Finanzplanung (IVFP) ganz anders. Im aktuellen Rating für private Rentenversicherungen wurden 31 von 145 Tarifen mit der Höchstnote „exzellent“ bedacht. Weitere 88 Tarife gingen als „sehr gut“ durch und 25 mit „gut“. Bewertet wurden 6 verschiedene Produktkategorien: Klassik, Neue (Klassik Plus), Index, fondsgebunden mit und ohne Garantien sowie Comfort. Bei Klassik Plus wurde einzig die Allianz („PrivatRente Perspektive“) exzellent bewertet; 16 Angebote erhielten das Prädikat „sehr gut“ (procontra berichtete).

Ganz nebenbei: Die laufende Gesamtverzinsung für Lebensversicherungen über alle Produktarten und Tarifgenerationen hinweg sinkt gegenüber 2019 leicht um 0,09 Prozentpunkte und liegt im arithmetischen Mittel bei 2,74 Prozent (2013: 3,63 Prozent). Das zeigte die Studie „Überschussbeteiligung 2020“ der Assekurata Assekuranz Rating-Agentur (procontra berichtete).

Branche mit viel Kreativität, um Garantien zu bedienen

Das kann sich angesichts fehlender Alternativen bei sicheren Anlageformen sehen lassen. Die Branche verzeichnete 2019 die stärksten Zuwächse bei Produkten der Neuen Klassik, Index- sowie Hybridpolicen. Auch fondsgebundene Lebensversicherungen konnten im Neugeschäft zulegen (procontra berichtete).

Laut Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) verzeichneten Lebensversicherer 2019 ein Beitragsplus von 11,3 Prozent. Wie dem Jahrbuch „Die deutsche Lebensversicherung in Zahlen 2020“ zu entnehmen ist, bestanden zuletzt 87,1 Millionen Verträge bei Lebensversicherern und deren Pensionskassen und Pensionsfonds (2018: 87,7 Millionen). Davon entfallen über 50 Prozent auf Rentenversicherungen - rund 44 Millionen Verträge (procontra berichtete).

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