Grundfähigkeitsversicherung: Für wen ist sie eine gute Alternative zur BU?

Anne Hünninghaus Berater Versicherungen

Nicht jedem Kunden ist die BU zur Absicherung der Arbeitskraft möglich. Die Grundfähigkeitspolice macht sich auf, mehr als nur ein Trostpflaster zu sein, wenn es mit dem Premiumschutz nicht klappt.

Wen und wie sollten Vermittler zur Grundfähigkeitenversicherung beraten?

Wen und wie sollten Vermittler zur Grundfähigkeitenversicherung beraten? Bild: Adobe Stock/HP_Photo

In der kritischen Phase des Corona-Shutdowns wurden Pflegekräfte für unermüdliches Engagement und persönlichen Einsatz deutschlandweit gefeiert. Für kurze Zeit flammte auch die Debatte um die Unterbezahlung medizinischen Fachpersonals wieder auf. Ansteckungsgefahr, Burn-out, Gelenk- oder Muskelbeschwerden vom Heben der Patienten – wer in der Pflege arbeitet, hat oft schon vor dem Rentenalter selbst mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Gerade in solchen Berufen ist private Vorsorge daher eigentlich unerlässlich. Die kostet allerdings: Eine Berufsunfähigkeitsversicherung (BU) sprengt bei Krankenschwestern, Handwerkern und allen anderen Risikogruppen schnell das Haushaltsbudget. Prämienhöhe und verfügbares Einkommen befördern den Premiumschutz BU schnell außer Reichweite.

Seit einiger Zeit wird als günstigere und unkomplizierte Alternative zur BU die Grundfähigkeitsversicherung (GFV) angepriesen. Besonders der Preis ist für viele ein schlagendes Argument – ihre monatliche Prämie beträgt im Vergleich zur BU oft nur ein Drittel.

Der größte Unterschied: Geld wird bei der GFV dann ausbezahlt, wenn der Versicherte für den Alltag unverzichtbare Fähigkeiten einbüßt. Je nach Anbieter und Tarif inbegriffen sind das Greifen, Sitzen und Laufen. Auch das Orientierungsvermögen, der Gebrauch einer Hand, eines Arms, das Knien und Bücken sowie Treppensteigen und Autofahren gehören in gängige Leis­tungskataloge. Ob ein Unfall oder eine Krankheit dem Verlust der Fähigkeit zugrunde liegt, spielt ebenso wenig eine Rolle wie das Vorliegen einer Berufs- oder Erwerbsunfähigkeit. Wenn sich nun also ein Steuerberater eine schwere Knieverletzung zuzieht, wird die BU nicht zahlen – die GFV unter Umständen aber schon.

GFV: das unbekannte Wesen

Bisher ist die Verbreitung der GFV gering, die meisten potenziellen Kunden haben noch nie von dieser Variante der Arbeitskraftabsicherung gehört. Für den Vertrieb bedeutet das: Aufklärungsarbeit. Aber erst einmal gilt es für Makler, mithilfe der relevanten Fragen herauszufinden, welcher Weg für welchen Kunden überhaupt der richtige ist.

Karoline Viktoria Mielken, Biometrie-Spezialistin bei der Bayerischen, stellt einen generellen Trend fest, der die Attraktivität der GFV steigern könnte: „Die Menschen möchten Job und Privatleben nicht mehr so stark voneinander abgrenzen, sondern in einem Zug auch ihre Freizeit mit absichern.“ Verletzt sich die Krankenschwester in ihrem Urlaub und ist anschließend für längere Zeit (mehr als sechs Monate) auf einen Rollstuhl angewiesen, würden zwar sowohl BU als auch GFV zahlen. Allerdings sei es in der GFV deutlich präziser, wann geleistet werde. „Die Leistungsprüfung in der BU ist meist komplexer und für den Kunden schwieriger nachzuvollziehen“, führt Mielken in ihrem Webinar auf der Onlinemesse profino aus. Zudem bleibt im Fall der GFV der Schutz bestehen, wenn zum Beispiel eine Erzieherin sich dazu entscheidet, künftig als Modeverkäuferin zu arbeiten.

Wem sollte man nun zur GFV, wem zur BU raten? „Das ist pauschal nicht zu beantworten“, erläutert Mielken. „Ein favorisiertes Produkt für bestimmte Berufsgruppen gibt es nicht, es kommt auf individuelle Bedürfnisse an.“ Der verbreitete Impuls, körperlich arbeitenden Personen wie zum Beispiel Handwerkern zur GFV und Akademikern zur BU zu raten, sei daher zu kurz gegriffen.

Auch dass bei den günstigeren GFV-Policen psychische Erkrankungen – Hauptursache einer Berufsunfähigkeit – nicht abzusichern seien, ist laut Mielken ein Vorurteil. Bei der Bayerischen kann man diese Risiken auch als Baustein dazubuchen. „Die GFV ist gegenüber der BU günstiger. Zudem haben auch vorbelastete Kunden die Chance, sich zu versichern“, so Mielken. Auch Pflegebedürftigkeit und Demenz können in guten Tarifen Leistungsauslöser sein. Die Gesundheitsfragen sind im Fall der GFV im Vergleich zur BU stark reduziert. Und während bei der BU die Zahlung des Krankentagegelds im Leistungsfall ausgesetzt wird, bleibt dieses bei der GVF unberührt.

GFV-Angebot verbreitert sich

Ein weiteres Verkaufsargument sieht Miel­ken im möglichen Einstiegsalter. Die GFV sei schon ab drei Jahren abschließbar. Hier muss erwähnt sein, dass auch in der BU der Trend zu jüngeren Einstiegsaltern zunimmt. Viele Anbieter buhlen mit Schüler-BUs um die junge Kundschaft mit exzellentem Gesundheitszustand. „Wem die monatliche GFV-Rente zu wenig ist, kann sich nachzuversichern. Mit der GFV kann man sich so einen Zutritt in die BU sichern“.

Auch Thomas Gorke von der Basler hebt in seinem profino-Webinar die „klaren und verständlichen Leistungsauslöser“ der GFV hervor. Die Versicherung greift allerdings nur unter bestimmten Bedingungen. Beim Verlust der Fähigkeit zu gehen bedeutet das zum Beispiel: „Der Versicherte kann nicht 400 Meter ohne Pause von mehr als einer Minute auf ebenem Boden gehen, ohne sich abzustützen.“ Mit diesen Konditionen müssen sich Berater auseinandersetzen. Für manche Berufe kann ein solcher Schutz bei Weitem nicht ausreichen.

Andererseits klammern immer neue Tarife und Bausteine eine erweiterte Abdeckung ein. „Seit bei uns Riechen und Schmecken in den Grundfähigkeiten inbegriffen sind, eröffnen sich uns neue Zielgruppen, wie zum Beispiel Köche“, so Gorke. Manch andere Berufsvertreter wie Künstler oder Fitnesstrainer konnten via BU bislang überhaupt nicht gezielt abgesichert werden. Anbieter ersinnen immer neue Grundfähigkeiten, die Tarife unterscheiden sich teils massiv. Daher kommt es umso mehr auf kompetente Beratung an.