Finanzplanung: „Frauen brauchen keine anderen Produkte im Finanzbereich“

Anne Hünninghaus Berater Top News Investmentfonds

procontra: Ein gängiges Klischee ist, dass Frauen risikoscheuer sind und vorsichtiger mit Geld umgehen. Machen Sie diese Erfahrung tatsächlich?

Hassenzahl: In meiner Wahrnehmung ist das überhaupt nicht der Fall. Das ist eher Erziehungssache. Viele Eltern schärfen Töchtern ein, Gefahren zu meiden – während sie Söhne ermutigen, Wagnisse einzugehen. Das wirkt sich nachhaltig auf ihr Verhalten im Beruf aber auch auf den Umgang mit Finanzen aus. Allerdings: Wenn nachvollziehbar und logisch hergeleitet werden kann, warum es sich lohnt, gewisse Risiken einzugehen, verlieren Frauen die Scheu. Bei guter und zielgerichteter Finanzplanung sind Frauen genauso bereit in den Aktienmarkt zu investieren.

procontra: Generell agieren Frauen Studien zufolge in Bezug auf Geld rationaler und weniger aus dem Bauch heraus als Männer.

Hassenzahl: Absolut, das kann ich bestätigen. Und deshalb wundert es mich nicht, dass sie im Schnitt bessere Performance-Ergebnisse erzielen. Weniger Kurzschlussreaktionen, dafür mehr Vorwissen und fundierte Entscheidungen führen zum langfristigen Erfolg. Dass Anlegerinnen darüber meist verfügen, macht die Folgeberatung leichter. Bei Männern wundere ich mich oft, welche basalen Fragen sie nach zehn Jahren am Kapitalmarkt noch stellen.

procontra: Viele Frauen würden gerne investieren – wenn sie mehr Geld zur Verfügung hatten. Männer verfügen im Schnitt aber nach wie vor über höhere Einkommen und mehr Kapital. Liegt hier nicht die Wurzel des Problems?

Hassenzahl: Natürlich – der Wandel ist im Gange, aber das ist immer noch die Krux. Kindererziehung, Halbtagsarbeit und geringere Gehälter, das alles macht es für Frauen schwieriger. Dabei kommt es für sie dadurch umso mehr auf gute Vorsorge an. Der andere Faktor besteht in tradierten Rollenbildern: Oft beschneidet die Frau ihre Einzahlungen ins Depot oder die Altersvorsorgeverträge, wenn Paare ein Kind bekommen, der werdende Vater aber nicht. Hier muss es ein Umdenken geben. 

procontra: Ändert sich das nicht ohnehin in der jüngeren Generation?

Hassenzahl: Unter den heute 20- bis Ende-30-jährigen Frauen beobachte ich eine Zweiteilung. Die eine Hälfte kümmert sich ganz selbstverständlich um ihre Finanzen. Die anderen identifizieren sich eher wieder in Richtung der klassischen Rollenbilder.

procontra: Würden Sie mehr Beratern dazu raten, geschlechterspezifischen Angebote zu machen?

Hassenzahl: Wenn ich mir die Bemühungen der Branche anschaue: Ja, das lohnt sich offenbar auf jeden Fall. Sonst würde eine Sparkasse ihre „Mein Haus, mein Auto, mein Boot“-Werbung nicht plötzlich auf eine Frau ummünzen. Das ist ein großes Akquisitionsthema. Die Betonung liegt hier aber auf Beratung – Frauen brauchen keine anderen Produkte im Finanzbereich! Ein Problem ist allerdings, dass der überwiegende Anteil der Vermittler Männer sind und eine glaubhafte und authentische Umsetzung nicht immer eingelöst wird. Darauf reagieren Frauen dann besonders ablehnend.

procontra: Sie sagen, bei den Produktpräferenzen gibt es keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Oft wird jedoch unterstellt, Frauen würden besonders auf ESG-produkte anspringen. Ebenfalls ein Klischee?

Hassenzahl: Bedingt. Tatsächlich fragen Frauen häufiger nach nachhaltigen Geldanlagen als Männer. Ich persönlich bin ein großer Fan von nachhaltigen Investments – aber aus Portfoliosicht sind sie nicht immer ertragreich. Die Branche ist in einigen Bereichen leider einfach noch nicht so weit, gerade wenn es um Anleihen geht, gibt es nicht immer sinnvolle Produkte auf dem Markt.

procontra: Also geht auch bei Frauen am Ende Rendite vor Heiligenschein?

Hassenzahl: Im Zweifel ja. Allerdings geht es nicht nur um Renditen, oft werden ökologische und ethische Versprechen schlicht nicht eingelöst. Dann geht es wieder um fundierte Einschätzungen und eine rationale Entscheidung, die besonders Frauen leichtfällt.

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