ESG: Nachhaltige Kapitalanlagen sind in Deutschland noch ein Nischenthema

Anne Hünninghaus Berater Investmentfonds

Laut einer neuen Studie wissen 86 Prozent der Deutschen nicht, was der Nachhaltigkeitsbegriff bezogen auf Geldanlagen bedeutet. Berater sollten hier ansetzen und für Aufklärung sorgen.

Was sind nachhaltige Kapitalanlagen?

Was sind nachhaltige Kapitalanlagen? Das können nur 14 Prozent der Deutschen beanworten. Bild Adobe Stock/jeremy3079

Liest man dieser Tage Wirtschaftsnachrichten, so scheint es, als sei nachhaltiges Investieren ein riesiger Trend, der das ganze Land erfasst hat. Und tatsächlich haben die Fridays-for-Future-Bewegung und die Gründung zahlreicher Nachhaltigkeits-NGOs deutschlandweit auch Teile der Banken und Versicherungsbranche zum Umdenken bewegt. Immer häufiger klinken sich Versicherer auf den Druck der Öffentlichkeit hin aus umweltschädlichen Projekten aus. Zudem müssen laut EU-Vorgabe Finanzanlagenberater ihre Kunden künftig auf nachhaltige Präferenzen bei der Geldanlage befragen und diese Lösungen auch anbieten.

Aber wird dieses Verhalten von der Mehrheit der Anleger auch honoriert? Deren Präferenzen hat das Deutsche Institut für Altersvorsorge (DIA) nun in einer von INSA Consulere durchgeführten Studie erfragt. Das Ergebnis ist ernüchternd: Nur 14 Prozent der insgesamt 3.066 Umfrageteilnehmer konnten überhaupt beantworten, was nachhaltige Kapitalanlagen sind. Die Umfrage ermittelte, inwieweit Nachhaltigkeit bei Anlageentscheidungen in der Vergangenheit bereits eine Rolle gespielt hat und unter welchen Bedingungen damit zu rechnen ist, dass Anleger bei künftigen Investitionen die Faktoren Umwelt, Soziales und Unternehmensführung berücksichtigen.

Nur wer grundlegende Kenntnisse und einen Überblick darüber hat, was unter dem ohnehin schwammigen Begriff Nachhaltigkeit zu verstehen ist und welches Angebot ESG-konformer Investmentmöglichkeiten besteht, wird sich auch für solche entscheiden. Da allerdings nur eine absolute Minderheit der Deutschen ab 16 Jahren mit dem Thema vertraut ist, ist das Interesse daran gering. Für die Studie wurden die Antworten auf die Frage "Ist Ihnen der Begriff nachhaltige Geld- und Kapitalanlagen bekannt?“ nach Geschlecht ausgewertet. Männer meinen öfter sich auszukennen (26 Prozent) – was aber nicht immer der Realität entspricht. 17 Prozent der Männer gaben die richtige Antwort, 9 Prozent gaben vor, den Begriff zu verstehen, konnten ihn aber nicht korrekt bestimmen. Bei den Frauen fällt das Verhältnis auf niedrigerem Niveau ähnlich aus. Von ihnen gaben nur 12 Prozent die korrekte Antwort.

ESG wird von den meisten auf den Umweltfaktor reduziert

Am meisten Kenntnisse hatten diejenigen Befragten, die über ein Vermögen von mehr als 150.000 Euro verfügen. „Das führt zwangsläufig zur Frage, ob nachhaltige Kapitalanlagen derzeit eher eine Angelegenheit für Vermögende sind, die im Zuge einer stärkeren Diversifizierung ihrer Portfolios nach Alternativen zu den traditionellen Kapitalanlagen suchen“, lautete die Interpretation von DIA-Sprecher Klaus Morgenstern. Zu Bedenken gilt es allerdings auch, dass Vermögende häufiger Berater konsultieren, die ihnen das Thema näherbringen. Das wäre eine Aufgabe, die auch für Menschen mit geringerem Kapital in der Vermittlung übernommen werden sollte.

An einer grundsätzlichen Bereitschaft, sich dem Thema zu öffnen, sollte es schließlich nicht mangeln, der Schlüssel wäre eine zielgerichtete Aufklärung von Seiten der Berater und Anbieter. Auffällig ist zudem, dass die meisten Befragten den Nachhaltigkeitsbegriff auf Umweltschutzaspekte reduzieren. ESG (steht für „Environment, Social and Governance“) umfasst allerdings gleichermaßen ein erhöhtes Engagement im Sozialen und im Governance-Bereich. Diese Faktoren werden bisher in der Außendarstellung offenbar vernachlässigt und in der Wahrnehmung der Menschen als weniger relevant erachtet als eine „grüne“ Ausrichtung. So ergab die Umfrage, dass der Umweltfaktor von 85 Prozent der Befragten zumindest leichten Einfluss auf die Auswahl der Geldanlage nimmt, die Unternehmensführung jedoch nicht einmal von 40 Prozent der Privatanleger berücksichtigt wird.

Demgegenüber berichtete der Fachverband Forum Nachhaltige Geldanlagen (FNG) Ende Mai, dass das nachhaltige Anlagevolumen Ende 2019 18,3 Milliarden Euro betrug und sich damit im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt hat. Das Interesse bei denjenigen, die gut beraten sind, ist also offenbar gegeben.

Dank einer neuen EU-Richtlinie müssen sich Finanzberater künftig intensiver mit nachhaltigen Produkten und ihren Zielen auseinandersetzen. So müssen sie erklären können, was es bedeutet, wenn der Fonds bestimmte Unternehmen ausschließt (und warum) oder wenn Ausschlüsse im Rahmen einer „Best-in-Class”-Strategie erfolgen. Auch die Frage, ob Nachhaltigkeit Rendite kostet, muss er souverän beantworten können. Dank eines profunderen Wissens von Beratern und damit auch Kunden lässt sich die Unwissenheit bekämpfen und das Interesse an der Vielzahl der neuen Produkte steigern.

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