Drewes: „Der Verkauf von Lebensversicherungsbeständen ist eine Bankrotterklärung“

Anne Hünninghaus Berater Top News

procontra: Kritisiert wird häufig, dass es wegen des fehlenden Neugeschäfts der Run-off-Gesellschaften keinen Reputations- und Wettbewerbsdruck gebe, was zur Benachteiligung von Kunden führen könne. Dem entgegnete Athora-Chef Christian Thimann: „Wir sind darauf angewiesen, stetig neue Lebensversicherer zu akquirieren – und die schauen sehr genau darauf, wie wir unsere Kunden behandeln.“ Wie schätzen Sie die Situation ein?

Drewes: Entgegengesetzt. Ich baue darauf, dass Herr Thimann keine weiteren Versicherer akquiriert. Und wenn, dann akquiriert er über einen hohen Kaufpreis und nicht über die Kundenfreundlichkeit seiner Abwicklung. Das ist doch eine Schutzbehauptung.

Das Geschäftsmodell des Run-offs ist vermeintlich eine besonders kosteneffiziente Verwaltung. Heißt: Maximal technisiert und ohne Service. Aus meiner Sicht ist das jedoch nur vorgeschoben. Auch wenn manch ein Versicherer eher als fortschrittsträge angesehen werden kann, ist es doch ein Hohn anzunehmen, dass beispielsweise die Generali technisch auf Lochkarten verwaltet hat, das Gegenteil trifft zu. Die IT-Migration kostet den Übernehmer zunächst ein Vermögen, was nur im optimalen Fall durch Verwaltungsersparnisse der Zukunft überhaupt kompensierbar ist.

Das Geschäftsmodell der Run-off-Anbieter ist aus meiner Sicht offenkundig ein ganz anderes: Völlige Einsparung des Kundenservices, bei gleichzeitiger Benachteiligung des Bestandes im Hinblick auf Überschusszuteilungen der Zukunft. Diverse Aktuare und Vorstände von Versicherern bestätigen diese Sichtweise. Viele Branchenkenner bewerten das ähnlich, aber zumeist hinter hervorgehaltener Hand. Ich persönlich mag es eher deutlich, weil ich als Makler ohne jeden Zweifel auf Kundenseite stehe.

procontra: Eine Kleine Anfrage der Grünen hat vor zwei Wochen ergeben, dass in der LV-Sparte Run-off-Anbieter eine vergleichsweise höhere BaFin-Beschwerdequote aufweisen als klassische Lebensversicherer. Die Kündigungsquoten sind allerdings eher gering.

Drewes: Ja, klar. Diese Frage hätte ich den Grünen auch schon vorab beantworten können. Und die Beschwerden werden in Zukunft stetig zunehmen. Die geringe Kündigungsquote hängt mit der Schockstarre des Marktes zusammen. Schockstarre über die Unverfrorenheit des Versicherers, in Verbindung mit einem unübersichtlichen Marktumfeld und in Verbindung mit der allgemeinen Corona-Krise. Mittelfristig werden die Run-off-Anbieter ganz enorme Kündigungsquoten sehen.

procontra: Würden Sie sich wünschen, dass die Bundesregierung mit weiteren Maßnahmen tätig wird?

Drewes: Ich kann mich nicht erinnern, mir einmal das Eingreifen des Gesetzgebers in unsere Branche gewünscht zu haben. Hier wünsche ich es mir sehr. Er sollte das Run-off-Modell insgesamt verbieten und stattdessen das altbekannte Modell von Protektor als Auffangmedium für notleidende Lebensversicherer modifizieren und fördern.

Hilfsweise wünschte ich, dass der Gesetzgeber ein hartes Anbieter-Wechselrecht für betroffene Kundengruppen einführt. Zudem ist es schwer zu verstehen, dass in unserem operativen Geschäft die Kunden jegliche datenschutzrechtliche Veränderung, beispielsweise im Maklermandat, schriftlich zustimmen müssen, den Anbieterwechsel des Versicherers aber nur einseitig mitgeteilt bekommen und nicht mal eine Widerspruchsmöglichkeit oder Ausstiegschance haben. In jedem Fall sollte der Gesetzgeber eingreifen bei der Zusammensetzung der Rückkaufswertberechnung. Es entbehrt jeder Logik, dass der Übertragungswert beim Bestandsverkauf an einen Run-off-Anbieter höher liegt als der tatsächliche Rückkaufswert, den der Kunde bei Vertragskündigung erhält. Die betroffenen Kunden haben es nicht verdient, dass deren Vertrauen und deren Altersversorgung zu einem Handelsprodukt degradiert wird.  

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