Digitalisierung: So funktioniert die intelligente Schadenregulierung

Anne Hünninghaus Top News Digital Versicherungen

Algorithmen gelingt es innerhalb von Sekunden, einen Versicherungsfall komplett abzuwickeln. Doch noch nicht alle Versicherer nutzen die Präzision und Schnelligkeit der künstlichen Intelligenz. Wer sind die Vorreiter – und wo stoßen diese an Grenzen?

Wie gut der Versicherung die Regulierung gelingt, gehört zu den wichtigsten Faktoren für die Kundenzufriedenheit.

Wie gut der Versicherung die Regulierung gelingt, gehört zu den wichtigsten Faktoren für die Kundenzufriedenheit. Bild: Adobe Stock/besjunior

„Wir freuen uns darauf, künstliche Intelligenz einzusetzen“, ließ sich Jochen Haug, Schadenvorstand bei der Allianz Versicherungs-AG, Mitte März zitieren. Kurz bevor der Corona-Shutdown die Branche und das ganze Land in Schockstarre versetzte, hatte der Konzern nämlich einen zukunftsträchtigen Deal an Land gezogen und die Übernahme des größten deutschen Schadensregulierers ControlExpert verkündet. Das Unternehmen, das für den Kfz-Bereich Digitalplattformen und automatisierte Abläufe anbietet, ist in der Branche kein Niemand: Es verfügt über 17 Standorte und kooperiert mit mehr als 130 Versicherern, darüber hinaus mit Autoherstellern und -häusern, Werkstätten sowie Leasinggesellschaften.

Auch wenn über den Preis der Mehrheitsbeteiligung nichts nach außen drang: Ein Schnäppchen wird sie für die Allianz wohl kaum gewesen sein. Aber warum brauchen Versicherer überhaupt Unterstützung in Sachen Schadensregulierung? Immerhin handelt es sich bei der Abwicklung eines Versicherungsfalls um eines der Kerngeschäfte der Branche. Der Prozess sieht dabei meist so aus: Der Versicherte meldet telefonisch einen Schaden, beispielsweise nach einem Autounfall, sendet Unterlagen zur Dokumentation ein und dann startet der (mitunter langwierige) Prozess: Anhand der gelieferten Daten ermittelt der Sachbearbeiter genauestens, welche Posten die Versicherung übernehmen muss, fragt Details ab, beauftragt im Zweifelsfall Gutachter und entscheidet schlussendlich unter Abgleich des Vertrags über die Höhe der Summe, die der Kunde erstattet bekommt. Ein erprobtes Verfahren – das im Jahr 2020 aber einer dringenden Generalüberholung bedarf.

Potenziale in den Sparten

„70 Prozent aller Kfz-Schadensfälle lassen sich vollständig digital regulieren“, sagt Ruth Puente vom Start-up Bdeo, das sich ebenfalls diesem Thema verschrieben hat. Analoge Prozesse würden schon bald der Vergangenheit angehören. Die Kfz-Sparte eignet sich laut Maik Entrich besonders gut, weil Schäden in diesem Bereich sehr homogen sind. Entrich, Projektleiter des Start-up Radars bei V.E.R.S. Leipzig, beobachtet aber auch bei anderen Kompositversicherungen wie Hausrat und Privathaftpflicht ähnliche Entwicklungen.

Weltweit erobern InsurTechs die Märkte, eine digitale Schadensbearbeitung ist bei ihnen von Haus aus fest in der Wertschöpfungskette verankert. Ihr bestes Argument im Kampf um Kunden ist genau das: Im Schadensfall reagieren sie dank digitaler Möglichkeiten präzise, unkompliziert und vor allem rasend schnell. So warb das US-amerikanische Unternehmen Lemonade, das im vergangenen Jahr auch hierzulande an den Start ging, mit der kompletten Regulierung eines Schadensfalls in drei Sekunden. Innerhalb dieser Zeit hatten Algorithmen den vom Versicherten in eine Eingabemaske übertragenen Schaden analysiert und mit der Police abgeglichen, diverse Betrugsszenarien ausgeschlossen, eine Genehmigung erteilt und die Zahlung auf das Konto des Versicherten veranlasst.

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