Corona-Anlegerverhalten: Weniger gebrannte Kinder als gedacht

Anne Hünninghaus Berater Corona Investmentfonds Top News

Wie haben sich Einstellungen zu und Anforderungen an Geldanlagen in den vergangenen Krisenmonaten verändert? Das offenbart eine aktuelle Studie.

Welchen Einfluss hat die Corona-Pandemie auf Anlegerinnen und Anleger in Deutschland?

Welchen Einfluss hat die Corona-Pandemie auf Anlegerinnen und Anleger in Deutschland? Bild: Adobe Stock/Andrey Popov

„Man hätte denken können, Fonds, Aktien und ETFs wären im Zuge der Krise in den Augen der Anleger zu Teufelszeug geworden – aber es ist anders gekommen. Immer mehr Menschen erkennen stattdessen, dass zinsgenerierende Geldgeschäfte problematisch sind“, konstatiert Martin Daut, Geschäftsführer des Robo-Advisors Quirion, im Pressegespräch am Donnerstagvormittag. Die Tochter der Quirin Privatbank präsentierte via Online-Schalte die Ergebnisse einer gemeinsam mit dem Marktforschungsinstitut Puls durchgeführten repräsentativen Anlegerstudie.

Bereits im Spätherbst 2019 hatten Quirion und Puls in 2.153 Interviews Deutsche mit mindestens 10.000 Euro Anlagevermögen oder 2.000 Euro monatichem Nettoeinkommen zu ihren Finanzanlagen befragt. Die Erhebung wurde mit derselben Stichprobe im Juni – also mitten im Corona-geprägten Jahr – wiederholt.

„Sparen ist in Zeiten der Krise wieder hoffähig geworden“, sagt Dr. Konrad Weßner, Geschäftsführer des Marktforschers Puls. Seit Ausbruch der Pandemie sparen die Menschen mehr und verwalten ihre Finanzen bedachter – zumindest schätzen sich die Befragten selbst so ein. Auf einer Skala von 1 (trifft überhaupt nicht zu) bis 6 (trifft voll zu) stieg der Durchschnittswert derer, die monatlich einen festen Betrag zurücklegen von 4,04 im November 2019 auf 4,31 im Juni 2020. Zwar ist die monatliche Sparrate gefallen, allerdings sind deutlich mehr Sparer hinzugekommen, die überhaupt Beträge auf die hohe Kante schaffen. Konsumverzicht scheint – zumindest für die Dauer der Krisenzeit – en vogue zu sein.

Durchschnittliche monatliche Sparrate: Wie viel Euro sparen Sie pro Monat?

Grafik: Quirion/Puls

Schlechte Nachrichten für Vermittler: Für eine fundierte Entscheidung professionelle Beratung heranziehen möchten in der Krise weniger Menschen. Lag die durchschnittliche Präferenz dafür Ende vergangenen Jahres noch bei 3,7, schrumpfte die Zustimmung nun auf 3,42. Dennoch gaben mehr Befragte an, weniger aus dem Bauch heraus zu entscheiden und stattdessen besonders rational vorzugehen.

Wer nach wie vor auf die Expertenmeinung setzt, muss seinem Berater meist nicht mehr unbedingt gegenübersitzen: Das persönliche Gespräch, im November noch mit 3,67 bewertet, schrumpfte auf eine Zustimmungsrate von 3,52. Hier gibt es innerhalb der Zielgruppe also signifikante Veränderungen gegenüber der Zeit vor der Pandemie.

Welche Anlageformen sind in Krisenzeiten attraktiv?

Die Deutschen haben offenbar die Attraktivität des Kapitalmarkts erkannt: Die meisten Befragten setzen aktuell auf die Anlageformen Betriebliche Altersvorsorge, Fonds, Aktien und – insbesondere – ETFs, deren Beliebtheit im Krisenverlauf weiter gewachsen ist. Weiter in der Anleger-Gunst gesunken sind indes Lebensversicherungen, Tagesgeld und klassisches Sparbuch. Auch Riesterrente und Festgeld sowie Bausparverträge nahmen größere Einbußen hin.

Wie attraktiv sind die folgenden Anlageformen? (6 = sehr attraktiv, 1 = unattraktiv)

Grafik: Quirion/Puls

Geldanlagen müssen vor allem sicher sein – die Risikobereitschaft ist während der Krise geschrumpft. 61 Prozent der Befragten gaben an, dass ihr Sicherheitsbedürfnis gestiegen ist. Das macht offenbar vor allem vermeintlich sichere Investments in Edelmetalle wie Gold attraktiv: 44 Prozent der Studienteilnehmer halten diese für interessanter als noch vor einem halben Jahr.

Laut Daut steht das Sicherheitsbedürfnis aber nicht im Widerspruch zur wachsenden Vorliebe für Kapitalmarktanlagen: „Da zinsseitig nur noch wenig zu erwarten ist, setzen die Anleger trotz aller Vorsicht auf ETFs mit breiter Streuung. Wenn es um Rendite geht, gibt es in diesen Zeiten keine Alternativen zum Kapitalmarkt.“ Gleichzeitig wollten die Menschen kein zu großes Risiko eingehen und auf maximale Erträge abzielen. Stattdessen nähmen sie geringere Erträge in Kauf. Marktforscher Weßner ist davon überzeugt, dass sich diese Entwicklung auch in den kommenden Jahren fortsetzen wird: „Privatanleger haben ihre Ausgaben und Investments bewusster im Blick als zuvor. Bereits vor Corona waren Wertpapiere attraktiver als verzinste Anlagen das bleibt so, trotz der Einbrüche am Aktienmarkt.“

Hat sich Ihr Finanzverhalten in der Krise verändert?

Grafik: Quirion/Puls

Zumal es offenbar weniger gebrannte Kinder gegeben hat, als auf dem Shutdown-Höhepunkt zu befürchten war: Die Hälfte der Befragten hat in der Krise in ihrer Geldanlage nach eigener Angabe keine oder kaum finanzielle Einbußen erlitten. Stark oder sehr stark betroffen sehen sich lediglich 17 Prozent. Diese relativ gesehen positive Ertragsentwicklung ist so kurz nach dem Corona-bedingten wirtschaftlichen Totalzusammenbruch dann doch überraschend.

Weniger erstaunlich ist die zunehmende Affinität zu digitalen Kanälen. So hat die Bekanntheit digitaler Geldanlagen (via Robo-Advisor) unter den befragten Anlegern von 43 auf 47 Prozent zugelegt. „Der selbstbestimmte Kunde, der sich digital informiert, ist auf dem Vormarsch“, fasst Weßner zusammen. „Beratung hat zwar etwas verloren, bleibt für die Mehrheit jedoch wichtig – heute kann sie aber auch digital oder telefonisch stattfinden. Finanzanbieter und Vermittler sollten Digitalisierung also unbedingt für sich nutzen.“

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