Bitcoin & Co.: „Anleger sollten sich auf die großen und bekannten Kryptowährungen beschränken“

Martin Thaler Investmentfonds Berater Top News

Kryptowährungen erlebten jüngst einen bemerkenswerten Preisanstieg, manche Analysten adelten Bitcoin & Co. bereits zum "digitalen Gold". Was verbirgt sich hinter der Rallye und was sollten Anleger beachten? procontra sprach hierüber mit Dr. Peter Scholz, Professor an der Hamburger School of Administration.

Dr. Peter Scholz

Kryptowährungen bleiben hochspekulativ und eignen sich nur als Beimischung oder für Hasardeure, die alles auf eine Karte setzen wollen, sagt HSBA-Professor Dr. Peter Scholz. Bild: HSBA

procontra: Der Bitcoin setzte in der vergangenen Zeit zu einer Kursrallye an. Wo liegen die Gründe für den rasanten Kursanstieg?  

Peter Scholz: Ich denke es ist kein Geheimnis, dass der aktuelle Anstieg des Bitcoins der Sorgen um die globale Ökonomie geschuldet ist. Durch die Corona-Krise sind weitere wirtschaftliche Verwerfungen zu erwarten, was eine rasch steigende Verschuldung der Staaten mit sich bringen dürfte und damit Inflationsrisiken birgt, die im Bitcoin so nicht zu erwarten sind. Daher nutzen einige Anleger momentan verstärkt auch Bitcoin als (riskante) alternative Anlageform.  

procontra: Das Angebot neuer Bitcoins wächst immer langsamer. Ist diese Limitierung des Angebots mittelfristig eine Chance für Anleger?  

Scholz: Im Gegensatz zu den traditionellen Währungen wie Dollar, Euro oder Yen ist die absolute Anzahl der Bitcoins tatsächlich begrenzt. Dieses limitierte Angebot führt automatisch zu einer Knappheit und ist daher natürlich eine Chance für Anleger. Jedoch muss es auch eine entsprechende Nachfrage geben, um einen Preiseffekt zu erzielen. Die Nachfrageseite ist jedoch weit schwieriger zu beurteilen. Solange der Bitcoin die Kryptowährung Nummer eins ist, wird es immer eine gewisse Nachfrage geben. Wenn aber eine neue dominante Kryptowährung als Referenz den Markt übernimmt, wird es vermutlich zu einem Nachfrageeinbruch kommen und einem entsprechenden Preisverfall. Aufgrund der technischen Gegebenheiten erwarte ich nicht, dass der Bitcoin ewig die dominante Kryptowährung bleiben wird.  

procontra: Gegenüber dem einstigen Höchststand besteht allerdings Luft nach oben. Wie realistisch ist es, dass die Kurse für Bitcoins in den kommenden Monaten weiter steigen?  

Scholz: Der Kurs des Bitcoins ist sehr volatil. Solange die wirtschaftliche Unsicherheit anhält, besteht auch Potential für weitere Kurssteigerungen. Korrekturen oder Einbrüche sind aber auch stets zu erwarten. Kryptowährungen bleiben auch in nächster Zukunft eine riskante und hoch spekulative Assetklasse und eignen sich nur als kleine Beimischung für erfahrene Anleger, die genau wissen was sie tun, oder für Hasardeure, die gerne alles auf eine Karte setzen.  

procontra: Ist es für den Anleger egal, in welche Coins er investiert? Steigen mit den Bitcoin-Kursen parallel auch die für Ethereum & Co.?  

Scholz: In einer Analyse mit meinem Doktoranden haben wir festgestellt, dass es unter den Kryptowährungen tendenziell positive Korrelationen gibt, d.h. wenn der Bitcoin steigt, ist es wahrscheinlich, dass im Mittel andere Kryptowährungen auch steigen. Es ist aber zu beachten, dass dies nicht für alle Kryptowährungen gilt, und das Ausmaß auch unterschiedlich ist. Bei kleinen und relativ unbekannten Coins sind Betrugsrisiken deutlich höher. Insofern muss hier mit besonderer Vorsicht agiert werden und Anleger sollten sich auf die großen und bekannten Kryptowährungen beschränken, wenn sie nicht enorme Risiken eingehen wollen.  

procontra: Experten wie der Hedge-Fonds-Manager Paul Tudor Jones bewerten den Bitcoin als mit Abstand aussichtsreichstes Investment: Vielfach werden Kryptowährungen schon als neuer sicherer Hafen für Anleger anstatt von Gold genannt. Was ist dran an dieser Einschätzung?  

Scholz: Hedgefondsmanager sind es gewohnt enorme Risiken einzugehen. Wenn er von seiner Strategie überzeugt ist, muss er natürlich auch aktiv dafür werben, sonst würden sich seine Investoren wundern. Als sicheren Hafen würde ich Kryptowährungen nicht betrachten: Ein Blick auf die enorme Volatilität reicht, um zu sehen, dass es immer noch ein sehr riskantes Investment ist. Gold hat über Jahrtausende Vertrauen aufgebaut – ob nun berechtigt oder nicht. Daher werden Kryptowährungen noch Zeit benötigen bis sie denselben Status erlangen. Ohnehin erwarte ich, dass es eher einen Korb an Referenz-Kryptowährungen geben wird, vermutlich von großen Tech-Companys herausgegeben.  

procontra: Mit Facebook, Goldmann Sachs oder Morgen Stanley planen weitere Unternehmen, neue Coins auf den Markt zu bringen – bzw.  Was sollten Anleger beim Investment in solche neue Coins beachten?  

Scholz: Während beim Bitcoin die Community die Herrschaft über die Regeln hat, sind es bei Unternehmens-Coins die Manager, die die Entscheidungen treffen. Ob diese immer das Interesse der Anleger im Blick haben, mag jeder für sich selbst beurteilen. Ich denke aber, dass die Idee sehr realistisch ist, verschiedene Währungen von Unternehmen zu haben, die untereinander konkurrieren, – dies würde das Machtgefüge aber weg von Staaten hin zu Unternehmen verlagern. In der Wirtschaftswissenschaft ist dieses Konzept unter dem Stichwort „Free Banking“ bekannt.  

procontra: Angesichts Nullzinsphase und volatiler Aktienmärkte suchen Anleger nach Alternativen. Unter welchen Umständen sind Kryptowährungen für Anleger interessant?  

Scholz: Die niedrigen Zinsen befeuern den Aktienmarkt und Kryptowährungen sind im Schnitt viel volatiler als Aktien. Allerdings weisen Kryptowährungen niedrige Korrelationen mit den traditionellen Assetklassen auf, sodass sie sich grundsätzlich als Diversifizierungsinstrument eignen. In der o.g. Untersuchung war eine Beimischung von ca. 1% des Portfolio-Gesamtwerts eine sinnvolle Zielgröße. Anleger sollten im Hinterkopf behalten, dass Kryptowährungen nach wie vor sehr spekulativ sind und auch ein Totalverlust möglich ist. Möchte man das Investment kennenlernen, lautet die Devise, mit kleinen Summen einzusteigen, deren Totalverlust nicht schmerzen würde, und nicht gierig zu werden – wie immer also.

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