Wie ein Versicherer in spe die Branche grün umkrempeln will

Martin Thaler Versicherungen Top News

Mit ver.de will Marie-Luise Meinhold einen Sachversicherer aus der Taufe heben, der konsequent nachhaltig agiert. Ein ambitioniertes Projekt – das durch die Corona-Krise nicht einfacher geworden ist. Im Gegenteil.

Marie-Luise Meinhold

Will mit ver.de beim Thema Nachhaltigkeit vorangehen: Marie-Luise Meinhold. Bild: ver.de

Wohl nur für die wenigsten dürfte die derzeitige Corona-Krise gut in den Zeitplan gepasst haben. Für Marie-Luise Meinhold, Gründerin des Insurtech ver.de kam der Lockdown allerdings zum denkbar unpassendsten Zeitpunkt. Im Februar launchten die Münchener ihre nachhaltige Fahrradabsicherung bundesweit. Kunden und Kundinnen erhalten bei dieser im Schadensfall einen Zuschlag von 20 Prozent auf den Kaufpreis des Rads, wenn sie sich zur Neuanschaffung entschließen. Nach drei Jahren Schadensfreiheit sollen den Kunden zudem Beiträge erstattet werden. „Kund*innen bekommen darüber hinaus mit dem Vertragsschluss ein Fahrradschloss geliefert, das wir entwickelt haben“, berichtete Meinhold, die zuvor in verschiedenen Positionen bei der Allianz tätig war, im vergangenen Jahr gegenüber procontra.  

Der Vertrieb gestaltete sich allerdings aufgrund des bundesweiten Lockdowns schwierig. „Die Corona-Krise kam zu einem wirtschaftlich schlechten Zeitpunkt“, bestätigt Meinhold. Kooperationen mit Fahrradanbietern und Hotels kamen nicht zustande, auch Vermittler hatten über einen längeren Zeitraum nur wenig Kundenkontakt – ungünstige Bedingungen folglich, um ein neues Produkt bei Kunden bekannt zu machen.  

2,1 Millionen Euro fehlen für Lizenz

Auch den firmeneigenen Zeitplan hat die Pandemie durcheinandergebracht: Ursprünglich war geplant, bis März des kommenden Jahres die notwendigen finanziellen Mittel einzuwerben, um von der BaFin die Zulassung als Versicherer zu erhalten. Mindestens 3,5 Millionen Euro an Kapital setzt die deutsche Finanzaufsicht unter anderem voraus, bevor sie eine Versicherungslizenz vergibt. Bislang hat ver.de 1,4 Millionen. „Bis März kommenden Jahres wollten wir den Betrag zusammenhaben – ob das allerdings klappt, ist unklar“, merkt Meinhold an.  

Nur als offizieller Sachversicherer ist aber die geplante Ausweitung des Sachversicherungs-Portfolios möglich. Für kommendes Jahr ist die Einführung einer Hausratversicherung geplant, ein Jahr später will ver.de mit einer Haftpflichtpolice auf den Markt kommen. Voraussetzung hierfür sind allerdings Investoren, deren Gewinnung durch die Corona-Krise nicht einfacher geworden sein dürfte. Laut einer Studie des Beratungshauses Willis Towers Watson waren die Investitionen in Insurtechs seit dem Ausbruch der Corona-Krise weltweit zum Erliegen gekommen. „Investoren verlangen in der Regel  einen ,proof of concept‘, einen Nachweis darüber, dass sich das Produkt auch verkaufen lässt“, erklärt Meinhold und schiebt hinterher: „Hier sind wir durch die Einschränkungen beim Vertrieb natürlich zurückgeworfen .“  

Dabei schlummert im Ansatz von ver.de großes Potenzial: Der Versicherer-im-Werden verfolgt einen komplett nachhaltigen Ansatz. Nicht nur in der Schadensregulierung will die studierte Biologin und Wirtschaftswissenschaftlerin das Unternehmen nachhaltig ausrichten, auch die Geldanlage soll sinnstiftend erfolgen. So sollen die Kundenbeiträge ausschließlich in „zukunftsweisende Entwicklungen“ investiert werden – hierunter fallen unter anderem Erneuerbare Energien oder die Bio-Landwirtschaft.  

Ein Thema, das trotz der Corona-Krise durchaus noch bzw. wieder beim Kunden verfängt. „Durch die Corona-Krise war das Thema Nachhaltigkeit ein Stück weit in den Hintergrund gerückt“, hat Meinhold beobachtet, „doch jetzt, wo sich die Lage ein wenig beruhigt hat, beginnen die Menschen darüber zu diskutieren, welche Wirtschaft sie in Zukunft haben wollen. Wenn der Staat so große Summen investiert, lohnt es sich darüber nachdenken, ob wir das Althergebrachte retten oder neue Wege beschreiten möchten.“ So würden die Stimmen lauter, dass bei solch hohen staatlichen Hilfszahlungen auch etwas für Natur und Umwelt herausspringen sollte – „zumindest in meiner Blase“, schiebt Meinhold hinterher. Sie hofft aber, dass es diese Stimmen nicht nur in ihrer Blase zu hören gibt, sondern auch darüber hinaus. „Die Diskussion und letztlich die Entscheidung gegen eine Abwrackprämie für Autos werte ich in dieser Hinsicht als gutes Zeichen.“  

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