Rente: Raffelhüschen hält doppelte Nullrunde für möglich

Martin Thaler Versicherungen

Die gesetzliche Rente gerät durch die Corona-Krise zusätzlich unter Druck - für Rentenempfänger scheinen sogar mehrere Nullrunden möglich. Derweil werden Forderungen laut, den Nachholfaktor wieder in der Rentenformel zu aktivieren.

Für Rentner könnten Erhöhungen ihrer Bezüge im nächsten und übernächsten Jahr ausbleiben.

Für Rentner könnten Erhöhungen ihrer Bezüge im nächsten und übernächsten Jahr ausbleiben. Bild: Adobe Stock/ gtlv

Rentenempfänger konnten sich in diesem Jahr noch über ein ordentliches Plus freuen: Zum 1. Juli dieses Jahres stiegen die die Renten im Westen um 3,45, im Osten um 4,20 Prozent. Solche Zuwächse werden aufgrund der Corona-Krise für die nahe Zukunft jedoch zunehmend unrealistisch. Die Deutsche Rentenversicherung hatte unlängst die Schätzung in den öffentlichen Raum gestellt, dass Rentner im Westen für das kommende Jahr eine Nullrunde erwarten könnten – im Osten ist immerhin noch eine Steigerung von 0,7 Prozent denkbar. Es wäre die erste Nullrunde seit 2010, dem Jahr der Finanzkrise.  

Im Gespräch mit der Rheinischen Post warnte der Freiburger Rentenexperte Bernd Raffelhüschen nun, dass nicht nur 2021 eine Rentenerhöhung ausbleiben könnte, sondern auch im Jahr danach. „2021 dürfte es eine Nullrunde geben. 2022 könnte es eine weitere Nullrunde geben, wenn sich der Wachstumseinbruch noch lange hinzieht und wir eine U-förmige Konjunkturentwicklung erleben“, erzählte Raffelhüschen der Tageszeitung.  

Zugleich forderte der Freiburger Wissenschaftler, auch Rentenkürzungen zu ermöglichen. Im Jahr 2009 hatte der Bundestag eine Rentengarantie beschlossen – die Rente wird folglich auch dann nicht gekürzt, wenn sich Löhne und Gehälter negativ entwickeln.  

„Wenn Millionen Kurzarbeiter auf Lohn verzichten und Millionen ihren Job verlieren, sollten auch Rentner und Pensionäre ihren Beitrag zur Bewältigung der Krise leisten“, argumentierte Raffelhüschen. Die Rentenformel solle entsprechend angepasst werden – unter anderem durch die Wiedereinführung des sogenannten Nachholfaktors.  

Nachholfaktor wieder einführen

Dieser sieht vor, dass in wirtschaftlichen schweren Zeiten Rentner trotz negativer Lohnentwicklung weiter Rentenerhöhungen erhalten – diese in wirtschaftlichen guten Zeiten jedoch wieder verrechnet werden, bis die zuvor vermiedenen Rentenkürzungen ausgeglichen wurden. Dieser war 2009 vom damaligen Sozialminister Olaf Scholz eingeführt worden, praktisch als Kompensation für die ebenfalls beschlossene Rentengarantie. 2018 wurde der Nachholfaktor im Rahmen des RV-Leistungsverbesserungs- und Stabilisierungsgesetzes jedoch ausgesetzt – erst einmal bis zur Rentenanpassung im Jahr 2025.  

Vor Kurzem hatte die FDP einen Antrag ins Parlament eingebracht, der die Wiedereinführung des Nachholfaktor in die Rentenformel vorsah. „Dieses Aussetzen des Nachholfaktors kommt einer Manipulation der Rentenanpassungsformel zulasten der Jüngeren gleich“, monierten die Liberalen in ihrem Antrag: „Denn es wird in der aktuellen Situation unweigerlich zu einer ungleichen Lastenverteilung in der gesetzlichen Rentenversicherung führen – auf Kosten der Steuer und Beitragszahler der jüngeren Generationen.“ Der Antrag war vom Parlament in den Ausschuss für Arbeit und Soziales verwiesen worden.  

Ob es im kommenden Jahr tatsächlich zu einer Nullrunde für Rentner kommt, hängt von der Lohnentwicklung ab. Wie diese sich angesichts der derzeitigen Krise entwickeln, wird die Rentenversicherung voraussichtlich erst im Spätherbst bekanntgeben.

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