Gothaer: „Nachhaltigkeit ist unser wichtigstes Strategiethema“

Anne Hünninghaus Versicherungen

Die Gothaer schenkt sich selbst und der Gesellschaft zum 200. Geburtstag eine Stiftung. Im Pressegespräch zur Nachhaltigkeitsstrategie des Versicherers wurde vor allem die Kapitalanlage kritisch beäugt.

Die Gothaer hat eine Stiftung mit Nachhaltigkeits-Fokus gegründet.

Die Gothaer hat eine Stiftung mit Nachhaltigkeits-Fokus gegründet. Bild: Gothaer

Einige Antworten blieb die Gothaer den Journalisten zum Ende des Pressegesprächs am Donnerstagmittag noch schuldig. Darunter: Welche Länder werden bei Staatsanleihen künftig ausgeklammert, weil sie beispielsweise gegen Menschenrechte verstoßen? Wie groß ist der Anteil der Kapitalanlagen, der nach Einführung der Nachhaltigkeitskriterien umgeschichtet werden musste? Traditionell sind die Nachfragen besonders kritisch, wenn es um das Thema ESG geht, also die Bemühungen von Unternehmen, sich in puncto Umwelt, Soziales und Governance vorbildlich zu verhalten. An diesen drei Faktoren bemisst sich Nachhaltigkeit – ein per se nämlich leider schwammiger Begriff.

Der Termin für die Konferenz war zumindest perfekt gewählt. Heute feiert die Gothaer ihren 200. Geburtstag, seit gestern ist Oliver Schoeller neuer Vorstandsvorsitzender der Versicherung und sein Vorgänger, Dr. Karsten Eichmann, gab zu diesem Datum die Gründung der Gothaer Stiftung bekannt. Deren Zweck teilt sich in drei Aspekte: Zum einen sollen Wissenschaft und Forschung an deutschen Hochschulen gefördert werden, um den Klimaschutz voranzutreiben. Zudem ist geplant, anhand eigener Studien mehr darüber herauszufinden, warum Verbraucher sich oft widersprüchlich verhalten, wenn es um Nachhaltigkeit geht. Solche Studien zu Kundenverhalten möchte die Gothaer anschließend der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen. Als dritten Punkt will die Stiftung Kunden und Mitarbeitern anbieten, sich selbst in konkreten Projekten zu engagieren.

„Das soll nicht zu pathetisch klingen, aber wir müssen uns fragen, was unsere gesellschaftliche Aufgabe in dieser Zeit ist“, begründet Schoeller die Neugründung. Zwar sei die – anfangs erst einmal mit einer Million Euro ausgestattete und dann jährlich mit 0,5 Prozent des Jahresgewinns finanzierte – Stiftung nur ein Mosaik in der deutschen Stiftungslandschaft. Dennoch folge man damit dem Gedanken von Gothaer-Gründer Ernst Wilhelm Arnoldi: „Du handelst für dich, wenn du für andere lebst“, so der Verweis auf die lange Historie der Versicherung. Schon Jahre bevor das Thema „dank Greta“ allgegenwärtig wurde habe man sich mit Nachhaltigkeit auseinandergesetzt: Seit 2013 Investments in Erneuerbare Energien, seit 2018 in der Umsetzung des ESG-Konzepts für Anleihen und Aktien, die Gründung eines Nachhaltigkeitsnetzwerks in diesem Jahr. Innerhalb der kommenden Monate soll der Kölner Standort darüber hinaus klimaneutral arbeiten.

Der Knackpunkt: Wie grün ist die Kapitalanlage?

Das alles ist zweifellos nützlich – und zudem PR-tauglich. Finanzvorstand Harald Epple lieferte dann aber noch einige Angaben zum eigentlich relevantesten – wenn auch nicht immer prominentesten – Thema: Wie grün ist die Kapitalanlage? Bisher habe man hier auf das „magische Dreieck“ geschaut: Wie verhalten sich Rendite, Sicherheit und Liquidität zueinander? Daraus ist nun ein Viereck geworden, mit ESG als Zusatz. Man plane auf der Grundlage, dass der Nachhaltigkeitsfaktor das Risiko senke – die Rendite aber nicht schrumpfe, so Epple. Als Mitglied der UN-Initiative „Prinzipien für verantwortliches Investieren" (PRI) verpflichtet sich die Gothaer, wie eingie andere Versicherer auch, ESG in Investitionsentscheidungen und die Eigentümerpraxis einzubeziehen und transparent über Anlageaktivitäten zu berichten.

Mit Blick auf Assetklassen wurden also Ausschlüsse definiert, bestimmte Geschäftsfelder wie Waffenherstellung fielen darunter, aber auch Unternehmen, die zum Beispiel gegen Menschenrechtsnormen verstoßen. Für Staatsanleihen habe man ein eigenes Rating erstellt – bislang aber noch keinen Staat tatsächlich „aussortiert“.

Zum Stichwort Rating merkte Epple kritisch an, dass die drei großen ESG-Rating-Anbieter keine zuverlässigen Einstufungen lieferten: „Die Überlappung der als nachhaltig ausgezeichneten Unternehmen ist gering, das zeigt, wie unpräzise der Blick bisher ist.“ Das stimmt, es mangelt an klaren Standards. Die Korrelation der Ergebnisse der drei Anbieter liegt bei 0,5, eine 1,0 entspräche der vollen Korrelation - dem Anspruch, Orientierung zu bieten, werden die entsprechenden Ratings damit nicht gerecht.

Dennoch ist der eigene Anspruch hoch: „Wir wollen 100 Prozent unserer Kapitalanlagen ESG-konform investiert haben“, so Epple „Und das hoffentlich ohne Rendite aufzugeben.“ Ende vergangenen Jahres waren 97,5 Prozent der Unternehmensinvestments konform mit den festgelegten ESG-Ausschlusskriterien. Seitdem sei der noch abzubauende Altbestand, der gegen diese verstößt, weiter deutlich zurückgegangen. Auch gebe es Dax-Konzerne, die aufgrund der Kriterien ausgeschlossen worden sind – welche genau wollte der Vorstand allerdings nicht preisgeben. Die Motivation ist groß – um das diffuse Nachhaltigkeitsthema dem öffentlichen Interesse aber greifbarer zu machen, bräuchte es teils konkretere Angaben.

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