„Gold ist nicht wirklich knapp“

Investmentfonds Berater Top News von von François Baumgartner

procontra: Das Gespräch zwischen Goldfinger und James Bond auf dem Reitergestüt ging in die Filmgeschichte ein. Geht es bei diesem Edelmetall stets um Knappheiten?

Fritsch: Wirklich knapp ist Gold nicht. Es verschwindet nicht und wird auch nicht verbraucht. Die Menge des bislang geförderten Edelmetalls liegt bei knapp 200.000 Tonnen. Das würde die derzeitige Nachfrage von 45 Jahren decken. Bei herkömmlichen Rohstoffen reden wir von einer Lagerreichweite von wenigen Monaten. In China und Indien haben wir aktuell sogar ein Überangebot an Gold, weshalb die lokalen Preise unter dem Weltmarkpreis liegen. Und obwohl Gold kein gesetzliches Zahlungsmittel mehr ist, haben Zentralbanken ihre Goldbestände in den vergangenen Jahren massiv aufgestockt. Dennoch kann es auch bei Gold temporär oder lokal zu Knappheiten kommen. Das konnte man im März sehen, als es in den Comex-Lagerhäusern zu wenig Goldbarren gab und der Preis für den Goldfuture daraufhin nach oben schoss. Im Vergleich zu vielen Vermögensanlagen ist Gold allerdings Mangelware.

procontra: Warum?

Fritsch: Die von mir zuvor erwähnte weltweite Goldmenge hat in heutigen Preisen gerechnet einen Marktwert von ungefähr 11 Billionen US-Dollar. Das Volumen von Anleihen mit einer negativen Rendite liegt bei etwa 13 Billionen US-Dollar, die Marktkapitalisierung der weltweiten Aktienmärkte liegt bei über 80 Billionen US-Dollar. Gemessen daran ist Aurum in der Tat sehr knapp.

procontra: Bretton Woods, also das System fixer Wechselkurse, brach im Jahr 1973 zusammen. Der Welthandel erholt sich aktuell nur langsam. Kehren wir zu einem Fixkurs-System zurück?

Fritsch: In absehbarer Zeit erwarte ich so ein Szenario nicht. Die Regierungen und Zentralbanken werden Wege finden, um das derzeitige Geldsystem zu bewahren.

procontra: Die Bank of America hatte mit ihrer Studie „Die Fed kann kein Gold drucken“ im vergangenen April mit ihrer Prognose für Aufsehen unter Analysten und Rohstoffexperten gesorgt. Demnach soll das Edelmetall in den kommenden 18 Monaten auf 3.000 US-Dollar pro Feinunze (31 Gramm) steigen. Was glauben Sie?

Fritsch: Die Argumente sind schlüssig, wir sind da aber vorsichtiger und erwarten einen Preis von 1.800 US-Dollar pro Feinunze bis zum Jahresende. Kurzzeitig sind jedoch Preisanstiege darüber hinaus möglich. Auf Dauer sind deutlich höhere Preise aber nur schwer zu halten, weil diese die klassische Nachfrage nach Goldschmuck in Asien zerstören. Wir sehen es schon aktuell: Die Goldnachfrage in China und Indien ist wegen der rekordhohen lokalen Preise extrem schwach. Die Goldimporte sind dort ebenso massiv eingebrochen. China war zuletzt sogar Nettoexporteur von Gold nach Hongkong, was bis vor kurzem undenkbar schien. Und in Indien bestehen seit Ende März wegen der Corona-Pandemie strikte Ausgangsbeschränkungen, womit auch Schmuckgeschäfte geschlossen sind. Diese Nachfrageschwäche muss anderweitig kompensiert werden, um die Preise stabil zu halten. Dafür sorgen derzeit vor allem die Käufe von Gold-ETFs. Im ersten Halbjahr beliefen sich diese auf 734 Tonnen. Damit übertreffen sie  bereits die Käufe des gesamten Jahres 2009, das bislang den Rekord hält.

procontra: Hasardeure gibt es überall und der Ölpreisverfall steckt vielen noch in den Knochen.

Fritsch: In anderen klassischen Goldnachfrageländern, wie zum Beispiel der Türkei sowie den Staaten im Mittleren Osten beobachten wir, dass die Nachfrage nach dem Edelmetall ebenso unter Druck gerät. Und zwar wegen schwacher Währungen und niedriger Ölpreise. Gemäß den Schätzungen eines renommierten Analysehauses für Gold wird die Investmentnachfrage nach Münzen, Barren und ETFs in diesem Jahr höher sein als die Schmucknachfrage. Das gab es selbst 2008/09 nicht. Aber sobald die Investmentnachfrage zum Beispiel wegen ETF-Verkäufen nachlässt, kann der Markt drehen. Die Nachfrage und der Goldpreis hängen also auch sehr stark von der Laune der Investoren ab.

procontra: Wie kann ein Anleger in das Edelmetall sicher investieren?

Fritsch: Es gibt das physische Investment in Münzen und Barren, wobei es in Deutschland seit Jahresbeginn für Anleger eine Obergrenze von 2.000 Euro für anonyme Goldkäufe gibt. Wenn man physisch gedeckte Gold-ETFs kauft, partizipiert man an der Preisentwicklung und kann sich das physische Gold auf Wunsch auch aushändigen lassen. Lagerkosten fallen dabei nicht an.

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