„Gold ist nicht wirklich knapp“

Investmentfonds Berater Top News von von François Baumgartner

Carsten Fritsch, Rohstoffanalyst im Firmenkundengeschäft der Commerzbank, sieht nur noch begrenztes Aufwärtspotenzial für den Goldpreis. Im Interview spricht er über die Wert- und Krisenstabilität des Edelmetalls – schlägt gegenüber dem derzeitigen Goldrausch aber auch kritische Töne an.

Gold gilt für Anleger als sicherer Hafen.

Gold gilt für Anleger als sicherer Hafen. Aber wie viel Wachstumspotenzial steckt angesichts derzeitiger Rekordpreise in dem Edelmetall tatsächlich noch? Bild: Adobe Stock/volkerladwig

Am Montagmorgen kam es an der Rohstoffbörse in London zu einer kleinen Sensation. Der Preis für eine Feinunze Gold hatte über Nacht einen neuen Rekordwert erklommen. Der Preis notierte zwischenzeitlich bei 1.945 Dollar – und übertraf damit das bisherige Allzeithoch vom September 2011. In Euro lag er am Montagnachmittag bei rund 1.655 Euro pro Unze.

Dass Münzen und Barren als Wertanlage insbesondere in Krisenzeiten begehrt sind, ist kaum eine Neuigkeit. Das „Handelsblatt" bezeichnete das Edelmetall jüngst als „psychologisches Therapeutikum" für Anleger. Angesichts der andauernden Pandemie rechnet die Bank of America sogar damit, dass in den kommenden zwei Jahren der Preis noch weiter steigen wird – bis 2022 haben die Analysten an der Wall Street das Preisziel auf 3.000 Dollar festgesetzt. Während die führenden Notenbanken also weiter Geld drucken und Konjunkturpakete schnüren und die Niedrig- und Negativzinspolitik auf abesehbare Zeit kein Ende nehmen wird, scheint Gold als solide Investition immer attraktiver.

procontra: Die Geldflut treibt den Goldpreis in die Höhe. Ist es jetzt sinnvoll in Gold zu investieren?

Carsten Fritsch: Wir sehen, dass der Goldpreis seit Mitte März merklich zugelegt hat und aktuell erstmals seit September 2011 über 1.800 US-Dollar gestiegen ist. Das hängt auch mit der beispiellosen Ausweitung der Zentralbankliquidität zusammen. Die Bilanzsummen und die Geldmengen steigen in einem dramatischen Tempo. Allein die Bilanzsumme der US-Notenbank FED ist seit März um zirka drei Billionen US-Dollar angestiegen. Die Geldmenge M1 der USA lag im Mai 2020 um 33 Prozent höher als im Vorjahr. Dennoch sind nach der Goldrallye zwischenzeitliche Rückschläge möglich.  

procontra: Worauf sollte der interessierte Anleger achten?

Fritsch: Wenn es bei Gold zuletzt zu Preisrückgängen kam, haben sich diese nie als dauerhaft erwiesen. Für den Anleger in Europa ist es zudem entscheidend den Goldpreis in Euro und nicht in US-Dollar zu betrachten. Denn Wechselkurseffekte können die Preisentwicklung bei Gold beeinträchtigen. Das Edelmetall ist allerdings in beiden Währungen stark gestiegen, in Euro Mitte Mai sogar auf ein Allzeithoch. Auch in anderen Währungen wie etwa in Britischen Pfund, Schweizer Franken oder Australischen und Kanadischen Dollar hat Gold in diesem Jahr bereits Rekordniveaus verzeichnet. Da das spekulative Interesse der Anleger bei Gold bis zuletzt eher verhalten war, ist der Preisanstieg folglich nicht auf ein Short-Covering zurückzuführen.

procontra: Kopf oder Zahl: Was spricht noch für die Wertanlage Gold, und was dagegen?

Fritsch: Gold ist sehr liquide, wird täglich gehandelt und die Preissetzung ist sehr transparent. Die Preisentwicklung kann man in den Medien und im Internet gut verfolgen. Aufgrund der vorhandenen Liquidität sind Kauf und Verkauf von Gold jederzeit möglich. Gold weist keine stabile Korrelation zu anderen Anlagearten auf. Mal ist sie positiv, mal negativ, aber eben nie stabil. Deshalb eignet sich das Edelmetall zur Diversifikation und ist infolgedessen für jedes Portfolio zu empfehlen. Gold ist darüber hinaus eine wertstabile Anlage. Das heißt: Während die Geldmengen wie eingangs beschrieben hochschnellen, wächst das Goldangebot pro Jahr nur um etwa 2,5 Prozent. Obwohl Gold nahezu jede Krise unbeschadet übersteht, kann es auch sehr volatil sein, wie man beim scharfen Preisrückgang Mitte März sehen konnte. Da ging es innerhalb von nur einer Woche um 15 Prozent nach unten.

procontra: Gold kann man weder essen noch trinken. Warum ist es so begehrt?

Fritsch: Auch Zinsen gibt es darauf nicht. Das ist aber kein Nachteil mehr, weil die Zinsen von den Zentralbanken faktisch abgeschafft worden sind. Die Realzinsen sind vielfach negativ. Anleihen vor allem in Deutschland und Japan weisen seit einiger Zeit sogar negative Nominalrenditen auf. Die Funktion als Wertaufbewahrungsmittel erfüllt Gold dagegen immer noch. Und bei Bedarf kann es schnell zu Cash umgewandelt werden, um zum Beispiel den Konsum von Verbrauchs- oder Investitionsgütern zu bewerkstelligen.

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