„Corona bietet Chancen für neue Versicherungsprodukte“

Anne Hünninghaus Berater Versicherungen Corona

Die Generali-Tochter Europ Assistance hat für eine spanische Hotelgruppe eine Covid19-Versicherung entwickelt. Während die Branche im Kontext der Pandemie bislang eher aufgrund ihrer Ausschlüsse in den Fokus trat, zeichnet sich nun neues Potenzial ab.

Stefan Schrödel von Europ Assistance im Interview über die Chancen der Corona-Krise für Versicherer.

Stefan Schrödel von Europ Assistance im Interview über die Chancen der Corona-Krise für Versicherer. Bild: Europ Assistance

Wurde in den vergangenen Wochen und Monaten über den Umgang von Versicherern mit der Corona-Pandemie berichtet, ging es meistens um Konflikte, Ausschlüsse und eine (unterstellte) Verweigerungshaltung. Dabei bietet die aktuelle Situation, in der sich Menschen besonders nach Sicherheiten sehnen, durchaus Chancen für neue Versicherungsprodukte.

Stefan Schrödel, Head of Business Development Financial Institutions and Travel Germany bei Europ Assistance, hat uns im Interview einige Fragen zu diesem Thema beantwortet.

procontra: Herr Schrödel, Europ Assistance hat gemeinsam mit dem Versicherer Inter Mundial eine spezielle Covid19-Krankenversicherung entwickelt, die nun allen Gästen der Palladium-Hotelgruppe in Spanien angeboten wird. Wie ist es dazu gekommen?

Stefan Schrödel: Reiseveranstalter und Gastgewerbe leiden extrem unter der Pandemie. Aufgrund von Reisewarnungen und gecancelten Buchungen konnten sie in den vergangenen Monaten kaum Umsätze verzeichnen. Auch jetzt sind die wenigsten motiviert, Urlaub im Ausland zu buchen – und wenn doch, ziehen sie gerade Ferienhäuser vor, in denen sie sich nicht gemeinsame Bereiche wie Pools oder Restaurants mit Fremden teilen müssen. Das bedeutet: Provisionen für nicht angetretene Reisen mussten zurückgezahlt werden. Diese Umstände macht es für Hotels umso wichtiger, Vertrauen aufzubauen und einen zusätzlichen Mehrwert zu schaffen.

procontra: Die Hotelgruppe nutzt die Versicherung also als PR-Maßnahme, um Verunsicherung abzubauen und den Gästen zu suggerieren: Wir kümmern uns um euch.

Schrödel: Genau. Dafür hat Palladium als Versicherungsnehmer einen Kollektiv-Vertrag mit uns geschlossen, jeder Gast profitiert von diesem Schutz, ohne selbst dafür bezahlen zu müssen.

procontra: Macht die Police eine zusätzliche Auslandskrankenversicherung überflüssig?

Schrödel: Die klassische Auslandskrankenversicherung ersetzt dieser spezielle Schutz nicht, da er ausschließlich Risiken in Verbindung mit Corona absichert. Das heißt: Sollten Gäste an Covid19 erkranken, bekommen sie eine Rundum-Assistenz, angefangen bei einer Infohotline, über ärztliche Betreuung, die Suche nach einer passenden Praxis während des Aufenthalts bis hin zu Beratungs- und Assistenzleistungen im Anschluss daran. Bei anderen Erkrankungen greift die Versicherung aber nicht, daher raten wir darüber hinaus zu weiterem Schutz.

procontra: Hat das Angebot, das seit Ende Juni besteht, die Buchungszahlen nach oben getrieben?

Schrödel: Da dieses Projekt unsere Kollegen in Spanien verantwortet haben, habe ich dazu leider keine Zahlen. Das Grundproblem für Reiseveranstalter ist, dass die Gutscheine, die durch Corona-bedingte Absagen angeboten werden bisher seitens der Kunden nur vereinzelt angenommen werden. Ein zusätzlicher Schutz kann ihnen helfen, Kunden zurückzugewinnen. Natürlich fallen dafür Kosten an, aber die Prämien stehen in keinem Verhältnis zu dem Mehrwert, den der Veranstalter gewinnt, wenn Reisen angetreten werden. Denn wenn er den Gegenwert ausbezahlen muss, kann das teuer werden: Der Durchschnittsreisewert liegt in Deutschland bei 800 Euro pro Person.

procontra: Sind – auch in Deutschland – schon weitere Hotelgruppen auf Sie zugekommen, die sich für einen ähnlichen Vertrag interessieren?

Schrödel: Wir stehen mit einigen Hotelgruppen und Ferienhausorganisationen in Kontakt, einen Abschluss gab es bislang aber noch nicht. Man darf nicht vergessen, dass die Situation in diesem Bereich gerade extrem angespannt ist. Viele Anbieter kämpfen um Ihre wirtschaftliche Existenz. Angesichts dessen, dass der Inlandstourismus rasant wächst, arbeiten wir zurzeit aber noch ein einem weiteren Versicherungsprodukt, für das Covid19 der Auslöser war. Ein „Domestic Travel“-Tarif. Schon vor Corona hat ein Drittel der Deutschen den Urlaub im Inland verbracht, durch die Pandemie weichen noch sehr viele mehr auf erdgebundene Reisen aus. Auch die Camping- und Caravaning-Industrie ist weiter auf dem Vormarsch. Um die Risiken dieser Zielgruppe besser abzusichern, arbeiten wir an einem Einzelprodukt.

procontra: Wer im Inland reist, wird sich wahrscheinlich aber wenig Gedanken um eine zusätzliche Krankenversicherung machen.

Schrödel: Das stimmt, aber auch hier gibt es Lücken, in der normalen Krankenversicherung ist beispielsweise der Rücktransport aus dem Urlaubsort nicht abgesichert. Außerdem kann es sich lohnen, einen Reiseabbruch zu versichern. Da der Flugtransport wegfällt, sind auch die Prämien im Inlandstarif deutlich niedriger. Und alle Corona-bedingten Risiken sind in der Versicherung ebenfalls eingeschlossen.

procontra: Ob Event oder Betriebsschließungen: In der bisherigen Berichterstattung über Corona in Verbindung mit Versicherungen ging es hauptsächlich um den Ausschluss: Corona wurde bei den meisten Policen ausgeklammert, was in ein Imageproblem für die Branche mündete. Sie nutzen nun die Pandemie als Aufhänger für neue Tarife. Ist das nicht riskant?

Schrödel: Corona bietet Chancen für neue Versicherungsprodukte, ja. Auch wir leisten nicht bei Pandemieauswirkungen wie einem kompletten Lockdown oder bei Quarantänemaßnahmen, das haben wir in unseren AVB noch einmal transparent formuliert. Aber ebenso klar ist: Wer an Covid19 erkrankt bekommt Unterstützung – auch sollte es, was wir alle nicht hoffen, zu einer weiteren Welle, womöglich zu einem Covid21 kommen. Wir gehen vom Bedarf der Versicherten aus – egal ob B2B oder Endkunde – und haben eine dreigleisige Strategie. Erstens: Die AVB in Bezug auf Pandemierisiken klarer formulieren. Zweitens: Neue, auf die aktuelle Situation zugeschnittene Einzelprodukte schaffen, wie die Inlandsreiseschutzversicherung. Drittens: Kollektivangebote für Gesamtorganisationen anbieten.

procontra: Was wäre ein Beispiel für den dritten Baustein?

Schrödel: Unternehmen und Verbände können ihre Mitarbeiter seit Ende Mai ebenfalls kollektiv mit einem Covid19-Schutzprodukt absichern und damit einen zusätzlichen Employer Benefit schaffen. Unternehmen stehen vor wirtschaftlichen Herausforderungen, mussten ihre Mitarbeiter teils in Kurzarbeit schicken. Mit einer solchen Versicherung kann ich mich als Arbeitgeber positionieren, der sich um seine Mitarbeiter sorgt und sie vor einer möglichen zweiten Welle absichert. Für den Vertrieb dieser Covid19-Versicherung stehen wir auch mit einigen Maklerpools im Austausch.

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