„Risikobereitschaft gehört zur modernen Altersvorsorge dazu“

Vorsorgekonzepte Berater Top News von Sebastian Wilhelm

procontra: Fänden sich Fondspolicen in Ihrem Idealportfolio?

Heermann: Fondspolicen bieten durchaus viele Vorteile. Man kann sie individuell kalibrieren, Risiko und Ertragschancen über die Laufzeit anpassen. Das betrifft zum einen die Assetklassen, etwa den Aktienanteil, und zum anderen die Auswahl der konkreten Fonds bzw. Anlagevarianten. Hier kommt ein weiterer Vorteil von Fondspolicen ins Spiel: Der Versicherungsmantel bringt nicht nur steuerliche Vorteile mit sich, sondern ermöglicht auch das kostenlose Shiften und Switchen. Ich kann also die Fondsauswahl immer wieder an meine Präferenzen anpassen, ohne dafür Gebühren zahlen zu müssen. Das Anlageuniversum am Fondspolicenmarkt ist durchaus vielfältig. Es müssen gar nicht Hunderte Fonds für eine Police zur Auswahl stehen.

Wenn der Versicherer seine Hausaufgaben gemacht hat, stellt er ein überschaubares Anlageuniversum mit hoher Qualität zusammen, das alle wesentlichen Assetklassen abdeckt. Aus unseren Kundenbefragungen wissen wir aber auch, dass in der Praxis nur wenige Kunden von der Shift- und Switch-Möglichkeit Gebrauch machen. Hier kommen gemanagte Varianten ins Spiel. In einer neuen Untersuchung haben wir kürzlich gezeigt, dass diese trotz ihrer höheren Kosten für Kunden interessant sind, da sie häufig eine bessere Performance als freie Fonds liefern. Darüber hinaus bieten viele Fondspolicen auch Garantieoptionen, womit sie schließlich jedwede Kundentypen adressieren können, renditeorientierte, kostenbewusste – Stichwort ETF – und auch sicherheitsliebende. Wegen ihrer großen Flexibilität und Vielfalt sind die Produkte allerdings recht beratungsintensiv.

procontra: An den Börsen ging es gerade Corona-bedingt heftig ab und auf. Schlechte Zeiten für den Vertrieb einer Kapitalmarkt-basierten Altersvorsorge, oder?

Heermann: Das würde ich so nicht sagen. Durch den Cost-Average-Effekt sollte das Markttiming bei langfristigen Investments mit laufenden Beiträgen nicht im Vordergrund stehen. Klar ist aber auch, dass bei einem fondsgebundenen Produkt mit einer offensiv ausgerichteten Kapitalanlage immer wieder größere Wertschwankungen auftreten können. Dies verunsichert viele Kunden. Hier schließt sich letztlich der Kreis zu Ihrer Eingangsfrage: Je mehr Sicherheit, desto weniger Renditechance bleibt – und umgekehrt.

procontra: Wird Ihr Geschäft – Analyse und Ratings – durch den derzeitigen Ausnahmezustand bei den Versicherern eigentlich erschwert?

Heermann: Nein, das läuft sehr professionell und in offenem Austausch. Als Ratingagentur sind wir jetzt besonders gefragt, die wirtschaftliche Situation der von uns gerateten Versicherer engmaschig zu beobachten. Hierauf legt auch die europäische Wertpapieraufsicht ESMA besonderen Wert. Daher stehen wir in regelmäßigem Kontakt mit den Vorständen der Unternehmen. Das operative Geschäft funktioniert bei den Versicherern auch im Homeoffice, was gerade vor dem Hintergrund der häufigen Kritik über veraltete IT-Systeme überrascht.

Die Schadenbelastung durch Corona hängt aber sehr vom jeweiligen Geschäftszweig ab – eher hoch bei Rechtsschutz, Veranstaltungsausfall oder Betriebsschließung, eher gering bei Unfall oder Kfz. Auch die Neugeschäftsaussichten unterscheiden sich stark nach Geschäftssegmenten. Nehmen Sie zum Beispiel die betriebliche Vorsorge: Ein Unternehmen mit wirtschaftlichen Engpässen oder Kurzarbeit wird vermutlich derzeit keine neue bAV einrichten. Wir erstellen gerade unseren Marktausblick für das zweite Halbjahr. Eines kann ich schon sagen: Es bleibt spannend.

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