Konfliktherd Kohle-Investments: Wo stehen die Versicherer?

Anne Hünninghaus Versicherungen Top News

Regine Richter von der Umweltschutzorganisation Urgewald hat procontra Einschätzungen zur Verantwortung von Versicherungsunternehmen, dem Sinn von ESG-Kriterien und Öko-Vorreitern der Branche gegeben.

Regine Richter von der Umweltorganisation Urgewald nimmt in der Versicherungsbranche ein Umdenken in puncto ESG wahr.

Regine Richter von der Umweltorganisation Urgewald nimmt in der Versicherungsbranche ein Umdenken in puncto ESG wahr. Bild: Urgewald

Vergangene Woche berichtete der „Spiegel“ darüber, dass die Talanx-Tochter HDI Global jahrelang den Bau des umstrittenen Adani-Kohleprojekts in Australien abgesichert hat. Der Minen-Neubau steht wegen seiner Klimaschädlichkeit bei Umweltschützern seit Monaten in massiver Kritik. Als im Januar die Beteiligung von Siemens daran bekannt wurde, hatte das einen enormen Imageschaden für das Unternehmen zur Folge - blüht dieser nun auch dem Versicherer?

Regine Richter, Verantwortliche für Kampagnen zu öffentlichen Banken bei der Umwelt- und Menschenrechtsorganisation Urgewald, hat uns Einschätzungen zur Verantwortung von Versicherungsunternehmen, dem Sinn von ESG-Kriterien und Öko-Vorreitern der Branche gegeben.

procontra: Siemens hat sich im Fall des Adani-Kohleprojekts der öffentlichen Kritik stellen müssen. HDI Global als Versicherer „im Hintergrund“ allerdings bislang nicht. Wie erklären Sie sich das?

Regine Richter: Wer an welchen Projekten in welcher Form beteiligt ist, wird ja nicht per se veröffentlicht. Informationen gelangen meist über inoffizielle Kanäle an die Öffentlichkeit. Im Fall von Siemens wurde das Unternehmen bereits vor Vertragsabschluss kontaktiert. Dann gab es sehr viel öffentliches Hin und Her und am Ende hat sich Siemens dazu entschlossen, trotz Bedenken bei dem Geschäft zu bleiben. Das hat zu steigender Empörung geführt. Die Information dazu, dass HDI das Adani-Kohleprojekt mitversichert hat, kam hingegen erst heraus, nachdem der Versicherer nach eigenen Angaben die Versicherung bereits beendet hatte, als Folge einer Kohle-Policy von 2019. Dass HDI diese aber überhaupt übernommen hatte, ist aus unserer Sicht falsch und kritikwürdig, aber nach einem Ausstieg ist der Aufschrei natürlich weniger groß, als wenn ein Unternehmen wie Siemens trotz Kritik an einem Geschäft festhält.

procontra: Inwiefern nehmen Sie in der Versicherungsbranche generell ein Umdenken wahr, wenn es um Nachhaltigkeit und Verantwortung geht?

Richter: Das Thema gewinnt wie „Nachhaltige Finanzierung“ insgesamt enorm an Bedeutung. Und kommt glücklicherweise über den betrieblichen Umweltschutz hinaus. Der ist auch wichtig, aber was versichert wird und wo Gelder angelegt werden, da haben Versicherer eine viel größere Wirkung. ESG-Kriterien, also die Berücksichtigung von ökologischen, sozialen und Unternehmensführungskriterien im Geschäft, bei Anlage oder Versicherung, sind an sich allerdings erst einmal kein Allheilmittel. Im Bankenbereich haben wir erlebt, dass sich Nachhaltigkeitsabteilungen mehr für ein gutes Nachhaltigkeitsrating interessiert haben, als dafür, tatsächlich problematische Geschäfte auszuschließen. ESG-Kriterien können auch dazu führen, dass bestimmte umstrittene Geschäfte gerechtfertigt werden, nach dem Motto „durch unsere Teilnahme machen wir Geschäfte besser“. Insofern kann ESG die Nachhaltigkeit von Unternehmen sehr verbessern, es kommt aber auf die Umsetzung an.

procontra: Was halten Sie von den neuen Richtlinien, die die Assekuranz sich nun teils selbst auferlegt? Der Talanx-Konzern beruft sich beispielsweise auf die 2019 verabschiedete Kohlerichtlinie.

Richter: Naturgemäß finden wir als Umweltorganisation immer, dass noch mehr gehen könnte. Die Talanx zum Beispiel hat sehr klar Ausnahmen formuliert in ihrer Kohlerichtlinie, so dass in Ländern, die sehr stark von Kohle abhängen, weiter Neubauten versichert werden können. Dies gilt wohl vor allem für die polnische Tochter Warta und bei der Hauptversammlung 2020 hat Talanx erklärt, dass im letzten Jahr zwei Kohleneubauten versichert wurden, in Polen und in Lateinamerika. Solche Schlupflöcher wollen wir natürlich gestopft sehen. Fairerweise muss ich dazu sagen, dass Talanx auf der Hauptversammlung auf Nachfrage gesagt hat, dass im Zusammenhang mit der Kohlerichtlinie im vergangenen Jahr 50 Projekte abgelehnt worden sind. Das ist viel und zeigt, dass die Kohlerichtlinie einen Effekt hat. Insofern begrüßen wir solche Richtlinien, die das Geschäft sauberer machen, auch, wenn wir es noch sauberer sehen wollen würden.

procontra: Haben Sie den Eindruck, dass das Thema ökologischer Verantwortung durch die Corona-Pandemie zuletzt in den Unternehmen selbst sowie in der öffentlichen Wahrnehmung wieder in den Hintergrund gerückt ist?

Richter: In der öffentlichen Wahrnehmung ist es sicher hinter Corona zurückgetreten. Allerdings ist sehr viel über die Doppelkrise gesprochen worden: Corona, wovon man hofft, dass es gelöst wird und die Klimakrise, die bleibt und sich verschärft. Im Versicherungsbereich ist die Allianz wie auch Munich Re Mitglied der Net-Zero Asset Owner Alliance, einem Zusammenschluss großer Investoren, die sich dafür einsetzen, dass 2050 über ihre Anlagen netto kein Kohlestoffdioxid ausgestoßen wird. Die Allianz hat sich mehrfach sehr deutlich dafür ausgesprochen, dass die Wiederaufbaugelder genutzt werden müssen, um einen ökologischen Umbau vorwärts zu treiben.

procontra: Das Thema bleibt also präsent?

Ja, zumal wir ja die Auswirkungen mit zunehmenden Dürren, Stürmen und fehlenden Wintern auch hier erleben. Trotzdem höre ich aus Unternehmen, dass mit nachlassendem Druck der Öffentlichkeit manche Klimaschutzmaßnahmen nach hinten verschoben werden und auch in relativ fortschrittlichen Banken gibt es Stimmen, die sagen: "In den nächsten anderthalb Jahren konzentrieren wir uns auf Corona-Rettung und danach schauen wir wieder auf Nachhaltigkeit". Wenn sich solche Stimmen durchsetzen, ist das gefährlich.

procontra: Welchen Appell möchten Sie an die Unternehmen richten?

Richter: Die großen Versicherer haben sich in den vergangenen Jahren in relativ kurzer Zeit beim Thema Kohle, vor allem Neubau, sehr positiv bewegt. Was wir uns wünschen, dass die Schlupflöcher beim Thema Kohle gestopft werden, dass die Regeln auf existierende Kohleminen und -kraftwerke ausgeweitet werden, denn um die Klimaziele von Paris zu erreichen, muss Europa bis 2030 kohlefrei sein. Und dass die Versicherer auch die anderen fossilen Energieträger angehen, denn auch da verhindert die Erschließung neuer Öl- und Gasfelder, der Bau neuer Infrastruktur wie Flüssiggasterminals und Gaspipelines die Erreichung der Pariser Klimaziele.

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