ESG-Ratings benachteiligen kleine Unternehmen

Anne Hünninghaus Investmentfonds

Analysen, die Investoren Aufschluss über das nachhaltige Handeln von Unternehmen versprechen, sind gefragt. Warum man sie mit Vorsicht genießen sollte, offenbart erneut eine Studie.

Auf ESG-Ratings ist nicht immer Verlass.

Auf ESG-Ratings ist nicht immer Verlass. Bild: Adobe Stock/stokkete

Dass hohe Renditen nicht alles sind und Unternehmen auch in ökologischer und gesellschaftlicher Verantwortung stehen, ist in den vergangenen Jahren nicht nur zu Verbrauchern, sondern auch zu vielen Investoren durchgedrungen. Nachhaltigkeits-Ratings sind daher gefragt wie nie. Diese geben Vermögensverwaltern immerhin einen objektiven Überblick dazu, inwiefern Unternehmen ESG-Standards – also Umwelt-, soziale und Governance-Kriterien – erfüllen.

Das zumindest ist der Anspruch der Ratings. Eine aktuelle Studie des ESG-Office der Privatbank Berenberg zeigt jedoch, dass diese häufig die Realität verzerren. Vor allem kleinere Unternehmen würden tendenziell schlechter bewertet – aus dem einfachen Grund, dass von ihnen zu wenige Daten geliefert werden.

Ratings für dasselbe Unternehmen teils sehr unterschiedlich

Berenberg hatte die Rating-Methoden drei großer Anbieter untersucht und festgestellt, dass große Unternehmen im Schnitt positiver bewertet werden, während Unternehmen, die noch klein sind und im Durchschnitt schnell wachsen, niedrigere ESG-Ratings haben - selbst wenn sie gemäß Fallstudien sehr nachhaltig agieren. Das Problem: Die Zusammenarbeit mit den verschiedenen Rating-Anbietern fordert von Unternehmen einige Ressourcen ein. Verfügen kleine und mittelständische Firmen nicht über ausreichende Kapazitäten, regelmäßig über ihre Nachhaltigkeitsstrategien zu informieren und Daten dazu bereitzustellen, werden sie tendenziell ausgeklammert. Dadurch besteht wiederum die Gefahr, auch bei Investoren durch das Raster zu fallen.

Das allerdings ist nicht das einzige Problem. Die Studie zeigt erneut, dass es nach wie vor signifikante Unterschiede zwischen den Rating-Anbietern gibt. In der Analyse fielen die Ratings für dasselbe Unternehmen teils sehr unterschiedlich aus – je nachdem, welche Methode angewandt wurde. Matthias Born, Head of Investment von Berenberg, führt das zu dem Schluss: „Es gibt keinen Standard in der ESG-Bewertung und auch kaum Vergleichbarkeit der Ratings.“ Investoren müssten ESG-Risiken und -Chancen selbst einschätzen, bevor sie eine Investment-Entscheidung treffen, statt die Analyse ausschließlich an Ratingagenturen abzugeben. Ratings könnten indes nur ein Hilfsmittel von mehreren sein.

Kaum klare Standards

Dass Asset Manager ESG-Ratings mit einer gewissen Vorsicht genießen müssen, hatten zuletzt zwei Vorfälle demonstriert. Zum einen ging es dabei um eine Klage gegen ISS-oekom und zum anderen um eine Studie, die eine gewisse Widersprüchlichkeit bei den Bewertungen offenbarte: Lediglich bei elf von 235 untersuchten Firmen waren sich die Rating-Anbieter MSCI, RobecoSAM und Sustainalytics darüber einig, dass diese nachhaltig sind.  

In Studien und Vergleichen zum Thema ESG gibt es eine Vielzahl von Kriterien und Möglichkeiten, diese zu gewichten. Barmenia-Nachhaltigkeitsbeauftragter Stephan Bongwald hat als Experte eines Finanzdienstleisters die Weiterentwicklung des Deutschen Nachhaltigkeitskodex unterstützt. Er plädiert dafür, sich an dessen Kennzahlen zu orientieren. Der Transparenzstandard beinhalte 20 Kriterien von der Strategie und Wesentlichkeit über Innovations- und Produktmanagement bis hin zum Ressourcenmanagement oder Arbeitnehmerrechten und böte damit einen Rahmen für das unternehmerische Nachhaltigkeitsmanagement.

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