Athora: "Die Spannung am Markt setzt Versicherer weiter unter Druck"

Anne Hünninghaus Corona Versicherungen Top News

Run-off-Anbieter wurden anfangs verteufelt. Die Kritik ist inzwischen leiser geworden. Christian Thimann, Chef der Athora Deutschland Gruppe, erklärt die Gründe für den Imagewandel, hohe Verwaltungskosten und Konsequenzen aus der Corona-Krise.

Dr. Christian Thimann ist CEO des Run-off-Anbieters Athora.

Dr. Christian Thimann ist CEO des Run-off-Anbieters Athora. Bild: Athora

procontra: Herr Thimann, nach dem ersten Aufschrei der Branche um die „bösen“ Run-off-Plattformen ist es ruhiger geworden. Selbst vonseiten des Verbraucherschutzes ist die Kritik an Ihrem Geschäft verstummt. Wie erklären Sie sich das ursprünglich schlechte Image?

Christian Thimann: In der öffentlichen Wahrnehmung hat sich unser Bild zum Positiven gewandelt. Und das liegt daran, dass wir Bestandsversicherer – das finde ich einen besseren Begriff als Plattformen – insgesamt gute Arbeit machen. Damit meine ich nicht nur Athora, sondern auch unsere Mitbewerber. Ich glaube, viele Menschen hatten die Befürchtung, dass mit dem Verkauf eines Bestands an ein neues Unternehmen am Markt die regulatorischen Aufsichtsmechanismen wegfallen. Dass sie bei einem Wechsel zu uns aus einer streng überwachten Welt in eine neue gelangen, in der plötzlich nur noch Inves­toren eine Rolle spielen. Dieses ungute Gefühl hat sich aber nicht bestätigt: Wir arbeiten unter der derselben Aufsicht und den exakt gleichen Bedingungen wie reguläre Versicherungen und haben dieselben Berichtspflichten.

procontra: Im Mittelpunkt der Kritik standen die Überschüsse. Da Sie nicht auf Neugeschäft angewiesen sind, vermutete man hier geringere Erträge.

Thimann: Das ist ein zentraler Punkt, zu dem ich zwei Argumente entgegne. Erstens: Niemand möchte in einem Unternehmen mit einer schlechten Reputation arbeiten. In einer Welt, in der es immer mehr auf Transparenz und Ethik ankommt, kann man sich das weder als Arbeitgeber noch den Verbrauchern gegenüber leisten. In einer transparenten sozialen Marktwirtschaft scheitert, wer sich Kunden gegenüber nicht fair verhält. Der zweite Grund ist spezifischer: Früher dachte man, Bestandsversicherer übernehmen einen Bestand und verwalten ihn, Punkt. Aber unser Geschäftsmodell beruht auf dem wiederholten Ankauf. Wir sind darauf angewiesen, stetig neue Lebensversicherer zu akquirieren – und die schauen sehr genau darauf, wie wir unsere Kunden behandeln.

procontra: Apropos: Die notwendigen Skaleneffekte erzielen Sie nur bei der Übernahme immer neuer Bestände. Ist das nicht ein sehr begrenztes Geschäftsmodell?

Thimann: Ich kann nicht sagen, dass es unendlich ist – aber es ist definitiv sehr langfristig ausgelegt. Lebensversicherungen laufen oft über 20 oder 30 Jahre. Wir sind einst mit 2,2 Milliarden Euro Kapital gestartet, das wir für Bestände in Deutschland, Belgien, Irland und den Niederlanden inzwischen ausgegeben haben. Die Übernahme des zweitgrößten Lebensversicherers in den Niederlanden, Vivat, konnten wir kürzlich besiegeln. Im Februar haben wir 1,8 Milliarden Euro Eigenkapital neu hinzubekommen, mit dem wir weiterwachsen möchten. Momentan hat Athora insgesamt drei Millionen Kunden, rund 2.400 Mitarbeiter und verfügt über 70 Milliarden Euro Kapitalanlagen – und wir beteuern weiter unser Interesse, Altbestände zu übernehmen.

procontra: Wie akquirieren Sie konkret – woran erkennen Sie zukünftige Run-off-Kandidaten?

Thimann: Das von außen zu erkennen, ist natürlich schwierig. Wir schauen uns die Zahlen der Analysten und Aufsichtsbehörden wie der BaFin an. Zudem erstellen wir eigene Berechnungen und Schätzungen. Da wir selbst auch Lebensversicherer sind, stehen wir in einem regen Austausch mit den Kollegen. Auch über Kontaktaufnahme via GDV-Foren oder Konferenzen kommen wir mit den Versicherern ins Gespräch. Aus all dem lässt sich ableiten, dass es unter den 90 Lebensversicherern mehrere Dutzend gibt, die über Bestände verfügen, die strategisch nicht mehr relevant sind.

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