Warum bei ESG-Ratings Vorsicht geboten ist

Berater Investmentfonds Top News von Jan F. Wagner

Ratingagentur ging zu weit

Trotz des fragwürdigen Falls muss man festhalten, dass ISS-oekom - wie die anderen Anbieter auch - grundsätzlich sauber recherchiert und analysiert. Es wurde aber deutlich, dass ISS-oekom offensichtlich zu weit ging.  Katharine Trimpop, Leiterin Vertrieb Publikumsfonds bei Monega, bezeichnet den Fall als ein „extremes Beispiel“.

Sie sagt: „Versende ich einen Fragebogen an ein Unternehmen und impliziere damit, dass mein Rating nicht nur auf öffentlich zugänglichen Informationen basiert, sondern auf eigenem Research, muss ich ihm ausreichend Aufklärung und Zeit geben, um diesen auszufüllen. Wenn es dann nicht antwortet, scheint es mir seriöser, kein Rating zu vergeben und zu erläutern, dass für ein Rating eben doch nicht ausreichend Informationen vorliegen oder eine Ratingstufe wie etwa „mangelnde Transparenz/Kooperation“ einzurichten.“

Der Kölner Asset Manager Monega bietet selbst 14 nachhaltige Fonds an und bezieht ihre ESG-Informationen zum Teil von MSCI. Das extreme Beispiel unterstreicht jedenfalls, dass die Asset Manager genau prüfen müssen, ob die ESG-Bewertungen, die sie beziehen, wirklich nachvollziehbar sind. Wenn nicht, sollten sie bei den Ratingagenturen nachhaken und eine Erklärung einfordern.  

Unternehmen unterschiedlich bewertet  

Das andere Ereignis, das Asset Managern zu denken geben sollte, betrifft eine Studie von Flossbach von Storch. Der Studienautor, Kai Lehmann, fand heraus, dass die ESG-Bewertungen oft stark voneinander abweichen. Beispiel Volkswagen: Während MSCI den Autobauer mit null Punkten (nicht nachhaltig) bewertete, vergab RobecoSAM aus der Schweiz 65 Punkte (nachhaltig). Sustainalytics vergab 19 Punkte (etwas nachhaltig - siehe Grafik). Ein weiteres Ergebnis, das die ESG-Analyse erschwert: Lediglich bei elf von 235 untersuchten Firmen waren sich MSCI, RobecoSAM und Sustainalytics darüber einig, dass diese nachhaltig sind.  

Wie sollen also Asset Manager mit solch einer starken Diskrepanz umgehen? Wie Deeken und Trimpop betont auch Lehmann, dass man sich für die Titelselektion auf die eigene Expertise verlassen muss. Dabei könnten die Ratings durchaus helfen. „Sie liefern Denkanstöße und können Investoren bei der Analyse unterstützen. Hier geht es aber primär um das Erkennen von Frühwarnsignalen und nicht um die Verwendung aggregierter Rating-Scores“, sagt Lehmann, der bei Flossbach von Storch als Senior Research Analyst arbeitet. Ein sehr zutreffendes Fazit, da auch belegt, dass ein Rating allein nur geringe Aussagekraft besitzt.

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