"Vor Gericht und auf hoher See bist Du in Gottes Hand"

Martin Thaler Berater Versicherungen Top News

Der Rechtsschutz-Test von Finanztest sorgte unter Maklern für viel Kritik. Auch Rechtsschutz-Experte Sven Nebenführ schließt sich hier an. Im Gespräch mit procontra erzählt er, worauf es in der Beratung ankommt, welche Folgen Corona für die Branche haben könnte und warum er keine "Notfallpatienten" betreut.

Worauf kommt es beim Thema Rechtsschutzversicherung an? Hierüber sprach procontra mit Makler Sven Nebenführ. Bild: Versicherungskonzept.com

Worauf kommt es beim Thema Rechtsschutzversicherung an? Hierüber sprach procontra mit Makler Sven Nebenführ. Bild: Versicherungskonzept.com

procontra: Viele Kunden fürchten aufgrund der Corona-Krise derzeit um ihren Arbeitsplatz. Ist jetzt der richtige Zeitpunkt, eine Rechtsschutzversicherung abzuschließen?  

Sven Nebenführ: Eine Rechtsschutzversicherung ist prinzipiell immer sinnvoll. Diese aber im Hinblick auf eine befürchtete Kündigung jetzt abzuschließen, ist nicht unbedingt sinnvoll – schließlich haben praktisch alle Berufsrechtsschutzversicherer eine Wartezeit von mindestens drei Monaten in Ihren Bedingungen verankert.  

procontra: Bei der Wahl der richtigen Rechtsschutzversicherung greifen viele Kunden oftmals auf die Tests der Stiftung Warentest zurück. Deren kürzlich veröffentlichten Test zu Rechtsschutzversicherungen haben Sie kritisiert – wo liegen Ihrer Meinung nach die Schwachstellen?  

Nebenführ: Das Problem bei den Tests ist die Standardisierung, um feste Kriterien zu definieren und einzelne Leistungen miteinander vergleichen zu können. Es wird ein Testprofil geschaffen, von dem angenommen wird, dass es auf viele Menschen zutrifft. Bei dem Test der Stiftung Finanztest zum Beispiel war es ein 40-jähriger verheirateter Angestellter mit zwei Kindern. Jeder, der diesem Standard nicht entspricht, sollte meiner Meinung nach das Testurteil hinterfragen und genau hinschauen. Rechtsschutzversicherungen sind komplex und mit ihren umfangreichen Paketen, Leistungsarten und Sonderklauseln auf die persönlichen Bedürfnisse und Wünsche ausgerichtet – also alles andere als Standard. Es sind individuelle Lösungen gefragt, die sich an der jeweiligen Lebenssituation des Kunden orientieren. Ich habe noch keinen Test gesehen, der das abbilden kann. Wenn ein Kunde bei mir eine Rechtsschutzversicherung abschließen möchte, analysieren wir zunächst gemeinsam seine persönliche Lebenssituation und priorisieren seinen Bedarf: Was ist ihm oder ihr wichtig, was weniger? Da haben meine Mandanten durchaus unterschiedliche Ansichten.  

procontra: In anderen Segmenten, wie der BU- oder Privathaftpflichtversicherung, haben die einzelnen Anbieter in den vergangenen Jahren ihre Bedingungswerke überarbeitet und neue Produktfeatures, wie Best-Leistungs- (Haftpflicht) oder Teilzeitklauseln (Berufsunfähigkeit) erschaffen. Was hat sich in dieser Hinsicht in der Rechtsschutzversicherung getan?  

Nebenführ: Grundsätzlich hat sich am Konstrukt Rechtsschutzversicherung nicht viel getan. Teilweise sind einige neue Klauseln hinzugekommen, die zusätzliche Bereiche, wie beispielsweise den Spezialstrafrechtsschutz, abdecken. Zusätzlich gibt es Klauseln, die sich aufgrund neuer Gesetze, wie dem Opferentschädigungsgesetz, erst entwickelt haben. Die Rechtsschutzversicherung entwickelt sich ja mit der Gesetzeslage. Indes haben die Versicherer in den vergangenen Jahren für sie sehr kostenintensive Leistungen aus ihren Bedingungen gestrichen: In neueren Tarifen findet sich beispielsweise keine Kostendeckung bei Park- und Halteverstößen mehr.  

procontra: Bedarf der Versicherungsschutz also keiner regelmäßigen Überprüfung, wenn man einmal eine Rechtsschutzversicherung abgeschlossen hat?  

Nebenführ: Die regelmäßige Überprüfung des Versicherungsschutzes ist auf jeden Fall empfehlenswert, da sich beim Kunden ja auch die aktuelle Lebenssituation permanent ändert. Wer beispielsweise über einen Hausbau nachdenkt, sollte den Abschluss eines Bauherrenrechtsschutzes in Erwägung ziehen. Auch hier zeigt sich die begrenzte Aussagekraft des Tests: Die Dynamik des Lebens lässt sich mit festen Kriterien nicht abbilden.  

procontra: Was sind denn die typischen Fallstricke in der Rechtsschutzversicherung?  

Nebenführ: Ich informiere meine Mandanten immer über Wartefristen, Ausschlüsse und das Eintrittsdatum. Der Kunde muss genau wissen, wann seine Rechtsschutzversicherung beginnt, in welchen Bereichen Wartezeiten zu beachten und welche Fälle nicht im Versicherungsschutz eingeschlossen sind, wenn sie vor Beginn des Rechtsschutzes eingetreten sind. Ich betreue allerdings keine „Notfallpatienten“, die mit einem konkreten Fall zu mir kommen. Es kann keine verbindliche Zusage geben, dass der jeweilige Fall auch versichert ist – dafür ist jeder Fall zu individuell. „Vor Gericht und auf hoher See ist man in Gottes Hand“, heißt es schließlich nicht ohne Grund.  

Seite 1: Die Rechtsschutzversicherung entwickelt sich mit der Gesetzeslage
Seite 2: Warum man seine Rechtsschutzversicherung nicht ständig wechseln sollte

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