Rürup: „Sichere Renten gibt es nicht“

Anne Hünninghaus Berater Altersvorsorge

Niedrigzinspolitik, Verweigerungshaltung - und jetzt auch noch Corona: Die private und betriebliche Altersvorsorge ist zurzeit ein schwieriges Thema. Bert Rürup plädiert für mehr Mut zu Reformen.

"Wir müssen uns von Garantien verabschieden, um die Altersvorsorge wieder flott zu machen", sagt Wirtschaftsexperte Bert Rüru

"Wir müssen uns von Garantien verabschieden, um die Altersvorsorge wieder flott zu machen", sagt Wirtschaftsexperte Bert Rürup. Bild: Privat

„Geld für die Altersvorsorge anzulegen hat nichts mit Vermögensbildung zu tun“, betont Bert Rürup und ergänzt einen kleinen Seitenhieb Richtung Politik: „Das muss man gelegentlich auch mal Herrn Merz sagen, wenn er wieder für das Aktiensparen als entsprechende Maßnahme plädiert.“ Es ist eine von Rürups "scheinbaren Trivialitäten", die der ehemalige Wirtschaftsweise in seinem Vortrag auf dem gemeinsamen Symposium des Wissenschaftlichen Beirats und des Ausschusses Alterssicherung der Gesellschaft für Versicherungswissenschaft und -gestaltung e.V.präsentiert, das heute als Online-Veranstaltung stattfand.

Keine Alternative zu einem mischfinanzierten Modell

Das Grundproblem der individuellen Vorsorge erläutert er anhand eines simplen Beispiels: Der gestrandete Robinson Crusoe sitz allein auf seiner Insel – ohne Freitag als Kompagnon für ein „archaisches Umlagesystem“. Er hat keine Ahnung, wie viele Vorräte er für sein Alter ansparen muss, wenn er irgendwann zu schwach zum Jagen und Fischen sein wird. In seinem „kapitalgedeckten Vorgehen“ schätzt er also grob ab, wie lange er leben wird – und liegt damit höchstwahrscheinlich daneben. Am Ende wird er entweder verhungern, weil er zu wenig Nahrung gesammelt hat, oder er stirbt bevor alles verbraucht ist, womit die Lebensmittel verderben – was eine „ineffizienten Konsumverzicht“ in seiner Jugend bedeuten würde. Die Moral der Geschichte: Hinter dem Anlegen von Altersrücklagen steckt immer eine Wette gegen den eigenen Todeszeitpunkt.

Je größer nun das Kollektiv, desto effizienter das System. Der Preis besteht darin, das eigene nicht aufgebrauchte Vorsorgevermögen an die Allgemeinheit abzutreten. Rürup plädiert für eine Weiterentwicklung der kapitalgedeckten privaten Altersvorsorge. An einem mischfinanzierten Modell aus Umlage- und Kapitaldeckung führe kein Weg vorbei, da es die beste Möglichkeit biete, Risiken abzufedern – auch wenn es so etwas wie „sichere Renten“ nicht geben könne. Sein Urteil zur Riesterrente lautet derweil: „Überfällig, aber besser gemeint als gemacht“. Freiwillige Systeme brächten allein insofern Probleme mit sich, als dass sie als vertriebsbasierte „Push-Produkte“ teils intransparent und teuer seien.

Prof. Dr. Heinz-Dietrich Steinmeyer von der Universität Münster hatte zuvor in seinem Vortrag über betriebliche Altersvorsorge festgestellt, dass bisherige Ansätze nicht zündeten, um neuen Schwung zu bringen. Der Anteil der Erwerbstätigen, die auf bAV setzen, verharrt bei 60 Prozent. Das Sozialpartnersystem hält er schlichtweg für zu kompliziert.

"Garantie frisst Rendite"

Was ist also zu tun, um die bisherigen Produkte zu verbessern – auch im Angesicht vermutlich noch auf lange Sicht andauernden Niedrigzinspolitik? Rürup hat dazu eine klare Haltung: „Wir müssen uns von Garantien verabschieden, um die Altersvorsorge wieder flott zu machen – denn Garantie frisst Rendite.“ Zudem propagiert er ein Standard-Riesterprodukt. Die Politik müsse sich der Frage eines Obligatoriums stellen, auch um die Altersvorsorge an einen zunehmend postindustriellen Arbeitsmarkt anpassen. Ein verpflichtendes Modell hält auch Steinmeyer für eine - verfassungsrechtlich legitime - Option.

Mit Verweis auf Schweden sieht Rürup die beste Möglichkeit in einem System, das neben der Riesterrente auf Vorsorgekonten basiert – unter dem Dach einer gemeinnützigen Stiftung des öffentlichen Rechts würden professionelle Anlagemanager Akteinanteile und Volatilität an das Alter der Sparer anpassen. „Wir müssen den Mut zu einer obligatorischen Lösung aufbringen – ohne dass sich dabei die Vorsorgesysteme kannibalisieren“, fasst Rürup als Ausblick zusammen.

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