Nachwuchs gesucht: Versicherer feilen am jugendlichen Image

Anne Hünninghaus Versicherungen

Mitten in der Corona-Krisenzeit startet der GDV eine Initiative, die junge Bewerber für den Vertrieb gewinnen soll. Um das Vermittler-Image zu entstauben, wurde kurzerhand sogar die Jobbezeichung ausgetauscht.

Wie hip ist die Versicherungsbranche?

Wie hip ist die Versicherungsbranche? Bild: Adobe Stock/Alessandro Biascioli

Eine junge Frau posiert mit Lockenstab vor der Kamera und versucht sich offenbar als Beauty-Influencerin. Bis ihre Schwester ins Jugendzimmer hereinpoltert und ihr das Frisiereisen – offenbar ihr heiß umkämpftes Eigentum – entreißt. Während im Hintergrund ein lautstarker Streit der Teenies ertönt, erscheint in dem Youtube-Video der Gothaer ein Aufruf: „Schnelle Karriere geht auch anders. Werde #Insurancer“.

Wer sich nun fragt, was ein Influencer ist, und warum einzelnen Wörtern neuerdings bitteschön eine Raute vorangestellt wird, bestätigt das Bild, das viele von der Branche haben: alt, angestaubt, irgendwie von gestern. Das Negativimage bestätigt sich Jahr um Jahr in der Ansehens-Umfrage des Deutschen Beamtenbunds, in der Versicherungsvertreter im Berufsgruppenvergleich regelmäßig auf dem letzten Platz liegen. Mit einer Initiative unter dem Slogan „Get real“ möchten Deutsche Versicherer, organisiert im GDV, nun junge Menschen für den Vermittler-Beruf begeistern.

Eine alternde Branche

Der Hintergrund: 42 Prozent der Versicherungsvermittler sind hierzulande 55 Jahre oder älter. Spätestens in zehn Jahren werden sie in Rente gehen. Der Initiative „gut beraten“ zufolge liegt die Altersgruppe der unter 40-Jährigen aktuell bei nur einem Drittel. Nach Berechnungen des GDV sind nur 21 Prozent der gebundenen Vermittler jünger als 35 Jahre, bei den Maklern sind es sogar verschwindend geringe 8 Prozent. Auch die generelle Zahl der Vermittler und Berater ist in den vergangenen zehn Jahren massiv zurückgegangen: Laut DIHK sind zurzeit rund 197.000 in dem Beruf registriert - 66.000 weniger als noch 2010.

Dass die Arbeit in der Assekuranz auf der Liste der Traumjobs Jugendlicher nicht sonderlich weit oben steht, bestätigte Ende vergangenen Jahres die repräsentative Studie "Talents for Insurance 2019", des Beratungsinstituts Organomics. Zwar gaben nur 16 Prozent der befragten 16- bis 45-Jährigen an, eine Stelle in der Branche kategorisch abzulehnen. Bei der Frage nach Wunscharbeitgebern kam Marktführer Allianz aber nur auf sechs Prozent Zustimmung – andere Versicherer lagen noch weit darunter. Zum Vergleich: der Autohersteller BMW erschien 20 Prozent der 4.000 Befragten als attraktiv.

Das Problem besteht dabei nicht in mangelnder Bekanntheit oder Zweifeln an der Höhe des Gehalts – sondern darin, dass den meisten potenziellen Bewerbern die emotionale Ansprache fehlt. Daher feilt die Branche nun offenbar inmitten der Corona-Krise daran, sich nahbarer, jünger und moderner zu geben. Die Initiative „Werde #Insurancer“ richtet sich an 16- bis 30-Jährige und soll zeigen, was im Vermittlerjob alles möglich ist: Schnell Verantwortung zu übernehmen, auch in der Heimatregion Karriere machen zu können, eine ausgewogene Work-Life-Balance und die Möglichkeit, den eigenen Terminkalender selbst zu bestimmen. Auch das Thema Digitalberatung wird angepriesen – passend zu den aktuellen Erfordernissen der Corona-Pandemie, die erst jüngst viele Unternehmen zum Umplanen gezwungen hatte.

Direkte Möglichkeit, sich zu bewerben

Auf der Landingpage www.werde-insurancer.de beantworten junge Vermittler in Videos Fragen zu ihrer Motivation und ihrem Alltag. Die Antworten sind mit dem eigenen Smartphone aufgenommen und sollen potenziellen Bewerbern einen authentischen Einblick in die Tätigkeit geben. Zudem bietet die Seite einen Selbsttest, in dem vier unterschiedliche „Typen“ identifiziert werden – die sich alle aus unterschiedlichen Gründen für den Job im Versicherungsvertrieb eignen sollen. Auch „FAQ“ werden beantwortet („Ich bin schlecht in Mathe – kann ich trotzdem Insurancer werden?“)

Außerdem gibt es Informationen zum Beruf sowie die Möglichkeit, sich zu bewerben: Entweder klassisch auf die Stellenanzeigen der teilnehmenden Versicherer oder via Videobewerbung über eine zwischengeschaltete Plattform. GDV-Mitgliedsunternehmen können sich die Videos der Bewerber dort ansehen und direkt mit ihnen Kontakt aufnehmen. Neben der Ansprache – es wird konsequent geduzt – kommt man der Zielgruppe auch in der Aufmachung entgegen: Die Kampagne ist komplett auf die mobile Nutzung am Smartphone und damit auf die Kommunikationsgewohnheiten der Zielgruppe ausgerichtet.

Zum Start sind die Aufrufzahlen der zur Kampagne gehörenden Youtube-Videos noch mau, auch die Instagram-Seite ist mit bislang 60 Abonnenten bislang ziemlich weit vom Influencer-Status entfernt. Allerdings ist sie erst in dieser Woche gestartet und soll zunächst bis zum Ende des Jahres laufen. Ob sich der Begriff „Insurancer“ anstelle von „Versicherungsvermittler“ tatsächlich durchsetzen wird, bleibt wohl eher fraglich. Aber das ist für die alternde Branche vermutlich gerade ein eher nachrangiges Problem.

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