InsurTechs vs. etablierte Versicherer: Wer kommt besser durch die Krise?

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So wird die aktuelle Krise zu einer Marktbereinigung bei den InsurTech führen. Die schwere Schieflage von Softbanks Vision Funds – eingeläutet durch das Platzen der WeWork-Blase – hatte bereits erste Wolken am Himmel der Megafinanzierungen aufziehen lassen. Es gilt daher bei Start-ups nicht mehr „Wachstum um jeden Preis“, sondern „Cash is King“. Die meisten Risikokapitalgeber stehen bei Neuinvestitionen auf der Bremse und horten das noch nicht investierte Geld für ihre bestehenden Beteiligungen. Das ist ein Novum, denn die Finanzierungsbedingungen hatten sich zuletzt Jahr für Jahr verbessert.

Selbst wenn Fin- und InsurTechs weniger stark von der aktuellen Krise betroffen sind, als beispielsweise Start-ups im Reise- und Tourismusbereich, stehen schwierigere Zeiten ins Haus. Die Bundesregierung will den Gründern zwar mit bis zu 2 Milliarden Euro unter die Arme greifen, doch ob diese Mittel rechtzeitig und an der richtigen Stelle ankommen, bleibt abzuwarten. InsurTechs, für die eine Kapitalrunde in den kommenden zwölf Monaten überlebenswichtig ist und die keine belastbaren Erfolge vorweisen können, werden daher ums Überleben kämpfen, Insolvenz oder Notverkauf nicht ausgeschlossen.

Versicherungsnehmer werden weniger preissensitiv sein

Die Corona-Krise wird auch neue Chancen öffnen. Sie ruft Privat- wie Firmenkunden ins Gedächtnis, wie wichtig das Absichern von Risiken ist. Sobald die aktuelle Schockstarre überwunden ist, wird das ein wichtiger Motor für Neugeschäft sein. Ferner können Kundenbeziehungen stark gefestigt werden, wenn die Versicherungswirtschaft – egal ob etabliert oder InsurTech – ihren Kunden zur Seite steht und unbürokratisch Probleme löst, anstatt selbst welche zu schaffen. Versicherungsnehmer werden das lange zu schätzen wissen und für einige Zeit weniger preissensitiv sein, solange die Leistung stimmt.

Die Digitalisierung der gesamten Versicherungsbranche wird weiter Vorschub erhalten. Ein „Digitalisierungswunder“ nach durchgestandener Krise ist indes bei den etablierten Versicherern nicht zu erwarten. Denn auch wenn sich die Krise schon sehr lange anfühlt, ist sie verglichen mit typischen Innovationszyklen in der Versicherungswirtschaft noch immer kurz. Teilweise wird bereits das Umstellen auf Home Office als „Digitalisierungserfolg“ gefeiert.

Das eigentliche Bottleneck aber bleiben die Kernsysteme der Versicherer, deren Ablösung oder Umbau viel Zeit braucht. Hier haben InsurTechs also nach wie vor einen Vorteil. InsurTechs, die hier ansetzen, den Substanznachteil überbrücken können und die Krise durchstehen, werden daher gestärkt aus ihr hervorgehen. Konkret ist zu erwarten ist, dass vor allem Plattform-Modelle, die ein volldigitale Abwicklung vom Angebot bis zur Policierung anbieten oder Tools für den digitalen Vertrieb zur Verfügung stellen, einen weiteren Aufschwung sehen werden. Im nächsten InsurTech Radar werden wir über die Entwicklungen ausführlich berichten.

Über den Autor: Dr. Nikolai Dördrechter ist COO der XTP AG, Autor des InsurTech-Radars und Co-Founder der Policen Direkt-Gruppe.

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