„ESG-Annahmen müssen kritisch hinterfragt werden”

Investmentfonds von Jan F. Wagner

Ratings sollen Orientierung bieten - auch wenn es um das Thema Nachhaltigkeit geht. Diesem Anspruch werden ESG-Ratings jedoch nicht immer gerecht. Mit welchen Widersprüchen zu rechnen ist und wie Asset Manager hiermit umgehen können, erklärt Bernd Deeken, Portfoliomanager Equities/ ESG bei Berenberg, im procontra-Gespräch.

Plädiert dafür, ESG-Ratings kritisch zu hinterfragen: Bernd Deeken, Portfoliomanager Equities/ESG bei Berenberg.

Plädiert dafür, ESG-Ratings kritisch zu hinterfragen: Bernd Deeken, Portfoliomanager Equities/ESG bei Berenberg. Bild: Berenberg

procontra: Herr Deeken, Flossbach von Storch kommt zu dem Schluss, dass ESG-Ratings zum Teil widersprüchlich sind - stimmt das?  

Bernd Deeken: Ja, und das lässt sich auch an Zahlen festmachen: Wenn man sich zum Beispiel einmal die Ratings der Top-Drei-ESG-Anbieter für das gleiche Unternehmen anschaut, dann liegt deren Korrelation im Durchschnitt bei etwas über 0,5. Bei Credit Ratings liegt er typischerweise bei 0,99 (1,0 entspricht voller Korrelation Anm. d. Red.). Zudem erhalten kleinere Unternehmen häufig ein schlechteres Rating, weil ihnen die Ressourcen fehlen, um die geforderten Fragebögen und Dokumentation zu leisten. Das führt dazu, dass die Nachhaltigkeit von kleineren Unternehmen deutlich unterschätzt wird. Entsprechend bestünde ein Portfolio, dass nur nach ESG-Ratings aufgestellt würde, aus Large Caps, die maßgeblich aus Europa kommen und im Schnitt über ein schwächeres Wachstum verfügen.  

procontra: Wie geht Berenberg mit solchen Widersprüchen um?  

Deeken: Wir würden niemals eine Firma nur wegen der ESG-Rating kaufen. Es zeigt sich noch mehr als beim klassischen Research, dass die Annahmen und die aufbereiteten Infos kritisch hinterfragt werden müssen. Ein Beispiel dafür ist Carel aus Italien. Das Unternehmen hilft etwa Supermärkten dabei, große Mengen Strom zu sparen. In meinen Augen ein sehr nachhaltiger Ansatz. Trotzdem sind die ESG-Ratings von Carel in Bezug auf Umwelt-Themen vergleichsweise schlecht. Die Noten und ESG-Daten sind für uns eine Basis für die eigene Analyse. Ein stetiger Austausch mit den Unternehmen ist dabei extrem wichtig, denn er schafft zusätzliche Transparenz.  

procontra: Flossbach von Storch empfiehlt den Aufbau von eigener ESG-Expertise. Was sollen Asset Manager machen, die den Mehraufwand nicht wollen?  

Deeken: In unseren Augen muss Nachhaltigkeit ein wesentlicher Bestandteil jeder Aktienanalyse eines jeden Investors sein, denn Nachhaltigkeit beeinflusst Geschäftsmodelle langfristig. Deswegen ist es auch wichtig, dass die Analyse ganzheitlich von Portfoliomanagern erfolgt und nicht alleine auf reinen ESG-Analysen beruht. Die Fondsmanager können dann beurteilen, was wirklich relevant für die Unternehmen ist. Beispiel Finanzindustrie: Ein paar Solarpaneelen auf dem Dach sind für den Nachhaltigkeitsaspekt einer Bank sicherlich weniger relevant als eine richtige Incentivierungsstruktur.  

procontra: Wie könnte die Qualität der Ratings verbessert werden?  

Deeken: In meinen Augen beziehen sich die Ratings noch zu stark darauf, was die Unternehmen veröffentlichen oder freigeben und nicht auf eine echte Analyse. Damit sind jene Unternehmen, die die entsprechenden Ressourcen haben, im Vorteil. Natürlich kann die Diversität in Rating-Einschätzung positiv sein, um verschiedene Seiten zu beleuchten. Letztlich kann ein Rating aber nur die Basis für eine eigene Analyse sein.

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