"Wir sind nun alle erst einmal 30 Prozent ärmer"

Anne Hünninghaus Unternehmen Corona Versicherungen Top News

procontra: Zumindest kommt nun Bewegung in die Branche. 

Rittweger: Die Versicherungsindustrie hat eine deutlich langsamere Veränderungsgeschwindigkeit als andere Branchen, das liegt auch daran, dass die Verträge teils ewig laufen. Ein externer Schock wie die Corona-Krise und der Fokus des Digitalen bringt ein bisschen Schwung rein, bevor sie anschließend wieder für 15 Jahre in den Winterschlaf geht. 

procontra: Dann glauben Sie nicht, dass die Veränderungen hin zu mehr Online-Modellen nachhaltig sein werden? Es gibt doch auf allen Seiten nun Aha-Erlebnisse: Der Makler oder Versicherungsmitarbeiter, der virtuell berät, der Kunde, der jetzt merkt, dass er seine AU-Bescheinigung unproblematisch übers Internet bekommen kann. Dadurch dürften neue Bedürfnisse entstehen, oder? 

Rittweger: Auf jeden Fall. Und ich glaube auch fest daran, dass wir an einer Zeitenwende stehen. Innovationen setzen sich oft in Schüben durch, die alle auf ein neues Level bringen. Wir waren als Start-up in der Vorbereitungsphase dabei. Ich denke, in den nächsten zwei bis drei Jahren wird es große Änderungen in der Versicherungsbranche geben. Danach wird sie vermutlich trotzdem wieder langsamer voranschreiten, weil das Geschäft langsamer getaktet ist. 

procontra: Sie sind Teil dieses Geschäfts. Trotzdem räumen sie sich ja eine gewisse Flexibilität ein. Wie hat Ottonova nun auf krisenspezifische Erfordernisse reagiert? 

Rittweger: Das klingt jetzt wenig responsiv, aber: Da mussten wir uns ehrlicherweise auf nichts Neues einstellen. Der Kunde managt uns mit seiner App, das unterscheidet uns von anderen. Alles, was man für Corona neu etablieren musste, hatten wir schon. Wir tüfteln nun eher an unserer Vertriebsstrategie – dazu kann ich aber noch nichts preisgeben. 

procontra: Apropos Vertrieb: An Versicherungen wird in der Krise als erstes gespart, wenn Menschen aufgrund von Kurzarbeit, Jobverlust und Co. weniger Geld zur Verfügung haben. Spüren Sie das schon? 

Rittweger: Wir haben Glück gehabt, dass wir erst vor Kurzem einen „Premium Economy“-Volltarif gelauncht haben, eine günstige Vollversicherung. Das passt nun natürlich ziemlich gut in die aktuelle Krisenzeit, in der die Menschen sparen wollen, gleichzeitig aber viel Wert auf Gesundheitsthemen legen. Ansonsten sehen wir, dass es in der Zusatzversicherung im Moment mehr Zurückhaltung gibt. Zum Beispiel ist eine Absicherung von Zahnimplantaten in ferner Zukunft gerade für viele nicht so relevant, das Interesse an solchen Tarifen geht zurück. Ich vermute, es wird hier – ähnlich wie bei Kleidung oder Reisen – nach der Krise einen gewissen Nachholkonsum geben. Das ist schwierig vorherzusagen. Aber kurzfristig wird erst einmal gespart. Die klassische Vollversicherung ist davon aktuell noch nicht betroffen. 

procontra: Die Vollversicherung ist aber auch schon vor der Krise für die meisten Versicherer ein zuletzt eher schwieriger Bereich gewesen, in dem sich im Vergleich zu Zusatztarifen wenige Neukunden gewinnen ließen. 

Rittweger: Klar, höhere Zahlen produziert man in der Zusatzversicherung, aber natürlich ist der Umsatz eines Vollversicherten deutlich höher. Seit Beginn der Pandemie gilt: Wir sind nun alle erst einmal 30 Prozent ärmer als wir es vorher waren. Ich glaube dennoch, dass das ein vorübergehendes Phänomen ist. Diejenigen, die über eine Krankenhauszusatzversicherung verfügen, merken nun, wie wichtig das ist, in diesem Bereich verzeichnen wir keinen Rückgang. Denn das macht uns allen diese Zeit sehr deutlich: In Gesundheit zu investieren ist sehr viel entscheidender, als sich ein großes Auto oder einen teuren Urlaub zu gönnen. Das stellen wir auch in den Kundenanfragen fest. 

procontra: Nicht nur Ihre Konkurrenz, sondern auch die Makler satteln nun auf Online-Beratung um. Begrüßen Sie das? 

Rittweger: Absolut – wir arbeiten auch mit Maklergruppen zusammen und bieten ausschließlich Online-Tarife an. Da muss auch eine entsprechende Vermittlung gegeben sein, damit das Kundenerlebnis stimmt. Künftig werden wir sicher mit den digital gut aufgestellten Maklern noch enger zusammenarbeiten können und neue Vertriebsmodelle basteln. Für den Kunden soll der ganze Prozess ohne Schnittstellen funktionieren. Wer dahinter steckt und wie kooperiert und sein Geld verdient, interessiert ihn nämlich nur selten. Er möchte nahtlose Abläufe und dass er in seinem Interesse gut beraten wird. Dahingehend spielt uns Corona in die Karten.  

procontra: Dann sehen Sie sich gewissermaßen als Profiteur der Krise? 

Rittweger: Naja, das möchte niemand sein … Aber sagen wir mal so: Die Zeit arbeitet gerade für uns. Generell ist die Versicherungsindustrie aber sehr stabil – es wird niemand pleite gehen, sondern nur kleine Verschiebungen geben. 

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