"Wir sind nun alle erst einmal 30 Prozent ärmer"

Anne Hünninghaus Unternehmen Corona Versicherungen Top News

Als Profiteur der Corona-Krise möchte das Krankenversicherungs-Start-up Ottonova nicht gelten. Dennoch zeigt sich dessen Gründer, der Mediziner Roman Rittweger, im procontra-Interview optimistisch - auch wenn es um die Zusammenarbeit mit digital versierten Maklern geht.

Ottonova-Gründer Roman Rittweger im Interview über die Corona-Folgen in der Branche

Ottonova-Gründer Roman Rittweger im Interview über die Corona-Folgen in der Branche. Bild: ottonova

procontra: Herr Rittweger, für Ottonova dürfte die aktuelle Zeit, in der sich fast alle Geschäfte ins Digitale verlagern, ein Heimspiel sein. Oder mussten Sie sich stark umstellen in den vergangenen Wochen? 

Dr. Roman Rittweger: Nein, nicht wirklich – außer, dass auch bei uns natürlich sonst nicht alle im Homeoffice gearbeitet haben. Aber wir sind gut aufgestellt. Das ist die Gnade der späten Geburt: Als wir Ottonova Ende 2015 gründeten, haben wir unsere Mitarbeiter von Anfang an mit Laptops ausgerüstet. Unser Tarifwerk und alle relevanten Systeme sind auf dem Server, wir hatten schon immer eine hohe Datensicherheit. Eine sichere Technologie ist mit hohen Kosten und großem Aufwand verbunden, aber ohne diese kommt man insbesondere in Deutschland sofort unter die Räder. Wer jetzt mit Altsystemen arbeitet, hat es deutlich schwerer, sich umzustellen. 

procontra: Damit haben sich nun alle anderen Versicherungsunternehmen herumzuschlagen. Sind Sie beeindruckt, wie schnell das vielen Konkurrenten gelungen ist – oder sehen Sie eher die Defizite? 

Rittweger: Ich achte nicht so sehr auf das Geschäft der anderen. Dass es bei vielen Versicherern gerade hakt, haben wir eher indirekt mitbekommen: Von einigen Kunden, die sich bei verschiedenen Wettbewerbern Angebote zur Vollversicherung eingeholt haben, kam in den vergangenen Wochen die Rückmeldung: „Von den anderen Unternehmen habe ich keine Antwort bekommen, daher entscheide ich mich für euch.“ Das sehe ich natürlich positiv.  

procontra: Ansonsten beobachten Sie den Wettbewerb nicht? 

Rittweger: Naja, als Angreifer in dem Bereich gehen wir weiter voran. Ich sehe zwei wesentliche Trends bei den Altversicherern. Erstens: Deren ewiges Mantra „Du musst vor Ort sein, Versicherungen verkauft man nur über persönlichen Kontakt“ wurde nun ausgeschaltet – und sie merken endlich, dass Beratung auch online und am Telefon funktioniert. Zweitens: Bisher rühmten sich die meisten damit, dass die Geschäfte super laufen – auch ohne Bemühungen, digitaler zu werden. Das ist ebenfalls vorbei. Die Digitalisierung bekommt dadurch zwangsweise einen massiven Schwung.  

procontra: Freut Sie das – oder bringt es Sie in Bedrängnis? 

Rittweger: Das freut erst einmal die Kunden. Früher waren es nur die Digital Natives, die bei Amazon einkaufen und ihre Bankgeschäfte online regeln. Die waren genervt davon, mit ihrer Krankenversicherung über analoge Kanäle verfahren zu müssen. Das war die erste Welle. In der nächsten Welle möchte aber fest jeder seine Versicherungen online managen. Dafür haben wir in den vergangenen Jahren den Weg bereitet und mussten kämpfen: Wir sind noch vor Gericht gezerrt worden, dass wir einen digitalen Arztbesuch ermöglichen, weil eine Fernbehandlung illegitim sei. Seit Corona gilt die Möglichkeit nun als große Errungenschaft – und ist zeitweise nun allen auch rechtlich gestattet. Da fühlen wir uns ein bisschen wie ein Surfer, der heftig gepaddelt hat und jetzt kommt plötzlich die riesige Welle – und wir surfen vorne darauf. 

procontra: Das ist die positive Sichtweise. Man könnte aber auch meinen, Sie verlieren durch die schnelle Entwicklung der anderen nun Ihr Alleinstellungsmerkmal. 

Rittweger: Das ist im Servicegeschäft ja immer so. Wir haben nun einmal kein Patent auf digitale Arztbesuche, können uns auf nichts ausruhen, müssen immer die nächste Stufe in Angriff nehmen. Aber: Endlich finden unsere Vertriebswege breite Akzeptanz! Noch vor wenigen Jahren mussten wir als David gegen Goliath kämpfen. Nun löst sich die Zurückhaltung der Kunden weiter auf, die Skepsis gegenüber Online-Versicherungen lässt nach. Viele stellen fest, dass die Kundenexperience im Digitalen viel besser ist, weil sie unmittelbar an ihre Daten kommen und unterstützt werden können. In einer Studie zu privaten Krankenversicherungen hatten wir 2019 einen Net Promoter Score von 70, während der Durchschnittswert bei 12 lag. Ich mache mir also keine Sorgen, selbst wenn die anderen nun aufholen. Außerdem bieten wir mit unserem Joint Venture mit der MSG-Tochter Global Side anderen Firmen Technologie-Lösungen an, mit denen wir zusätzlich Geld verdienen. Das kann für uns also nur gut sein.  

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