Wie Robo-Advisor die Volatilität befeuern

Stefan Terliesner Investmentfonds

Die Geschwindigkeit des Kurssturzes im März war historisch. Mitverantwortlich dafür sind computergestützte Handelssysteme, die Trends so beschleunigen, dass weder ihre Bediener noch Privatanleger hinterherkommen.

Robo-Advisor verstärken Trends an den Kapitalmärkten.

Robo-Advisor verstärken Trends an den Kapitalmärkten. Bild: AdobeStock/ chingyunsong

Nicht wenige Finanzanlageberater bekommen es in diesen Tagen mit erzürnten Kunden zu tun – wegen der behördlich angeordneten Kontaktbeschränkungen per Telefon. Der Grund der Anrufe: Der Kurssturz an den Börsen kommt bei Anlegern nicht gut an. Die in den vergangenen Jahren steigenden Notierungen haben zuletzt selbst Aktienfondsmuffel zu Investoren gemacht.

Doch dann kam der Corona-Virus. Die Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie ließen die Aktienmärkte in einer nie dagewesenen Geschwindigkeit einbrechen. So verlor der EuroStoxx50 am 12. März 12,4 Prozent. Ein Bärenmarkt, das heißt, ein Verlust von mehr als 20 Prozent, war nach wenigen Tagen erreicht. Selbst in der Weltwirtschaftskrise 1929 ging es nicht so schnell in den Keller. Folglich wurden jetzt sogar hartgesottene Börsianer nervös.  

Weniger Liquidität  

„Die Ursachen dieser extremen Marktbewegungen liegen aber nicht allein in der abrupten Vollbremsung der Wirtschaft durch die Quarantäne-Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Virus-Pandemie“, schreibt Bernd Meyer in einem Gastbeitrag für die Börsen-Zeitung. „Vielmehr“, so der Chef-Anlagestratege bei der Berenberg Bank weiter, „lassen sich die extremen Marktbewegungen darauf zurückführen, dass sich die Struktur und das Verhalten der Kapitalmärkte in den vergangenen zehn Jahren wesentlich verändert haben.“

Beispielsweise gebe es immer weniger Value-Investoren, die auch mal konträr zum Marktgeschehen agierten und damit für Liquidität sorgten. Zudem nähmen Banken seit der letzten Finanzkrise deutlich weniger Risiken aufs eigene Buch. Die Regulatorik machten das nahezu unmöglich, meint der Banker.  

Ein wesentlicher Anteil am veränderten Verhalten der Märkte resultiere „aus der zunehmenden Dominanz regelbasierter Anlagestrategien.“ Verantwortlich dafür wiederum sei insbesondere das Aufkommen von algorithmischen Empfehlungssystemen zur Vermögensanlage, kurz: Robo-Advisors. Hier spielten Ansätze mit Zielvolatilität und Risikoparität sowie Trendfolge-Strategien und Short-Volatilität-Strategien eine zentrale Rolle. Einige dieser regelbasierten Ansätze wirkten mit ihrem prozyklischen Verhalten trendverstärkend. Mitunter führten sie zu einem Teufelskreis, „der erst endet, wenn alle Risiken auf einem extrem niedrigen Niveau reduziert wurden.“  

Emotionslose Maschinen  

Eine ähnliche Sicht auf die Dinge hat Markus Richert, Finanzplaner bei der Kölner Vermögensmanagementgesellschaft Portfolio Concept: Risikoparitätsstrategien zum Beispiel basierten darauf, dass die Aufteilung des Kapitals auf unterschiedliche Anlageklassen anhand von Volatilität bestimmt wird. In guten Börsenzeiten, wenn die Volatilität niedrig ist und die Kurse steigen, investieren Anleger einen größeren Teil ihres Kapitals in Aktien. Sie kaufen also Aktien, wenn die Kurse ohnehin steigen“, erklärt Richert.

Und weiter: „In schwachen Börsenphasen, wenn die Volatilität steigt und die Kurse sinken, wird in weniger riskante Anlageklassen wie Anleihen umgeschichtet.“ In jedem Fall würden durch diesen Herdentrieb Kursveränderungen verstärkt. „Vor allem Robo-Adviser nutzen solche Strategien“, berichtet der Finanzplaner.  

Diese computergesteuerten Handelsprogramme dominierten mittlerweile den Handel. „Sie machen ihre Arbeit schneller als jeder Mensch, emotionslos, ohne krank zu werden, und das 24 Stunden am Tag.“ Nach einem technischen Aufrüstungswettbewerb in den vergangenen Jahren, reagierten diese Systeme inzwischen in Nanosekunden. Und das Vordringen von Künstlicher Intelligenz mache die Maschinen noch schneller. „Mitunter wissen selbst die Bediener dieser Systeme nicht mehr, worauf diese eigentlich reagieren“, sagt Richert.

Mittlerweile mehrten sich kritische Stimmen. Rufe nach Beschränkungen oder einem Verbot des computergesteuerten Hochfrequenzhandels würden lauter. Denn der Privatanleger könne im Wettbewerb gegen solche Systeme nur verlieren. Umso wichtiger sei es, dass man als Anleger in solchen extremen Marktphasen die Füße stillhält. Oder die aktuelle Schwächephase zum Einstieg nutzt, meint der Finanzplaner.

Und wörtlich: „Die Systeme können ihre Wirkung auch in die andere Richtung entfalten. Deutet sich ein Rebound an, können Kursgewinne stärker ausfallen, als es eigentlich angemessen wäre. Wer freie liquide Mittel und einen ausreichend langen Anlagehorizont hat, sollte die Rücksetzer nutzen und nachkaufen.“

Volatilität aushalten  

Was folgt daraus für Finanzanlageberater mit verärgerten Kunden am Telefon? Sie können darauf verweisen, dass computergestutzte Handelssysteme mit jeweils ähnlichen Strategien, den Kursrutsch erheblich verschärft haben; und dass es ebenso schnell wieder aufwärts gehen könnte. Die Kursentwicklung von Mitte März bis Mitte April bestätigt dies zumindest. Kurz: Extreme Volatilität muss man aushalten können.

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