Telemedizin: "Die Digitalisierung hat einen riesigen Sprung gemacht"

Anne Hünninghaus Corona Private Kranken Versicherungen

Videosprechstunde für alle: Der App-Anbieter Teleclinic kann den virtuellen Arztbesuch künftig allen Versicherten anbieten. Gründerin Katharina Jünger über einst strenge Regularien und die Corona-Krise als Beschleuniger der Digitalisierung.

Teleclinic-CEO Katharina Jünger über Innovationen während der Corona-Krise.

Teleclinic-CEO Katharina Jünger über Innovationen während der Corona-Krise. Bild: Corinna Guthknecht

Das Arztgespräch findet per Videocall statt, Rezept und Krankschreibung landen innerhalb von Minuten auf dem Smartphone. Was noch vor Kurzem im regulierten deutschen Gesundheitswesen als undenkbar galt, ist plötzlich möglich.

Der 2015 von Katharina Jünger gegründete Anbieter Teleclinic kann ab dem 26. Mai allen Versicherten in Deutschland das telemedizinische Angebot als Teil der Regelversorgung zur Verfügung stellen. Die Abrechnung erfolgt, wie in der physischen Praxis, zwischen Ärzten und den Kassenärztlichen Vereinigungen. Bisher ist das Angebot über direkte Verträge zwischen privaten und gesetzlichen Krankenkassen noch als besondere Leistung angeboten.

procontra: Frau Jünger, Videosprechstunden sind – befeuert durch die Corona-Krise – aktuell ein großes Thema. Welche Rolle spielt die derzeitige Ausnahmesituation, um digitale Innovationen im Gesundheitswesen voranzutreiben?

Katharina Jünger: Eine große Rolle. Aus meiner Sicht ist es ganz einfach: wir erleben gerade eine Zeitenwende. Ich arbeite seit der Gründung von TeleClinic vor fünf Jahren darauf hin, dass die regulatorischen Anpassungen des Gesundheitssystems an neue, digitale Möglichkeiten in der medizinischen Versorgung vorgenommen werden. Es gab viele Vorbehalte. Jetzt ändert sich die öffentliche Wahrnehmung in Sekundenschnelle. Ich bin sicher: Ende dieses Jahres werden Sie so selbstverständlich von Ihrem Gespräch per Videocall sprechen wie vorher von einem Praxisbesuch.  

procontra: Mit welchen rechtlichen Hürden hatten Sie zuvor in puncto Videosprechstunde zu kämpfen?

Jünger: Seit unserer Gründung im Jahr 2015 haben wir daran mitgearbeitet, Telemedizin in Deutschland zu einem Teil der Regelversorgung zu machen. Im Oktober 2019 hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung der Regelerstattung durch die Gesetzlichen Krankenversicherungen zugestimmt, seither haben ist unser wichtigstes Ziel allen Versicherten in Deutschland unser Angebot ohne private Zuzahlung zu ermöglichen.

procontra: Wie funktioniert Ihre Zusammenarbeit mit den Krankenkassen?

Jünger: Wir arbeiten über direkte Kooperationen mit einer Reihe von Privaten Krankenkassen, in diesem Jahr sind sechs Gesetzliche hinzugekommen. Diese ersten Partner haben früh erkannt, welche Chancen darin für sie und ihre Versicherten liegen: Durch die Zusammenarbeit können sie ihren Mitgliedern den Zugang zur medizinischen Versorgung der Zukunft ermöglichen. Die Digitalisierung ist da, wir sind stolz darauf, ihre Möglichkeiten mit unseren Partnern umzusetzen. Partnerkrankenkassen können auf Extras für ihre Versicherten zugreifen, zum Beispiel besonders kurze Wartezeiten und eine exklusive Hotline. 

procontra: Glauben Sie, die Krise verändert das Bedürfnis, seine Krankenversicherungen inklusive Krankschreibung, Rezepte und Co. online zu managen?

Jünger: Wir erleben, dass die Menschen durch die Krise offener und neugieriger auf digitale Angebote zugehen. Nicht das Bedürfnis der Menschen nach digitalen Lösungen ist gestiegen, sondern ihre Bereitschaft, sich die neuen Angebote anzuschauen – und sich von ihnen überzeugen zu lassen.

procontra: Wie ist Ihre Prognose: Wird das Interesse an solchen digitalen Angeboten nach der Krise erst einmal wieder abflauen? Schließlich ist gerade in Gesundheitsfragen vielen der persönliche Kontakt besonders wichtig.

Jünger: Nein, das glaube ich nicht. Wir haben einen riesigen Sprung nach vorne gemacht und die Menschen werden nicht auf die Vorteile verzichten wollen, die sie neu entdeckt haben. Unsere Sprechstunden sind als Ergänzung zum Praxisbesuch angelegt, der persönliche Kontakt besteht im Videogespräch und wird weiterhin in Praxen und Kliniken bestehen.

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