"Die Zeit nach Corona wird nicht dieselbe sein wie davor"

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Welches Bild hinterlassen die Versicherer während der Corona-Krise in der Öffentlichkeit? Und welche langfristigen Folgen werden auch nach Beendigung des Lockdowns zu sehen sein? Über diese Fragen sprach procontra mit Dr. Fred Wagner, Professor für Versicherungsbetriebslehre an der Universität Leipzig.

Glaubt an tiefgreifende Veränderungen durch die Corona-Krise: Prof. Dr. Fred Wagner.

Glaubt an tiefgreifende Veränderungen durch die Corona-Krise: Prof. Dr. Fred Wagner. Bild: Wagner

procontra: Welches Bild vermitteln die Versicherer in der Krise?  

Dr. Fred Wagner: Im Hinblick auf ihre Betriebsorganisation haben sich die Versicherer schnell und professionell auf die neue Lage unter Corona eingestellt. Ich höre von den einzelnen Versicherern, dass dort bis zu 96 Prozent aller Mitarbeiter und mehr derzeit im Home Office sind, ohne dass die Arbeitsprozesse dabei Mängel aufweisen. Die Mitarbeiter ziehen alle mit. Die Frage, die sich hier stellt, lautet: Warum war das vor der Krise nicht möglich?  Damals zeigten sich viele Versicherer im Hinblick auf Home-Office-Möglichkeiten für ihre Mitarbeiter noch sehr restriktiv, brachten viele Bedenken hervor. Diese Bedenken scheinen nun vollständig abgeräumt zu sein, weswegen ich auch glaube: Die Zeit nach Corona wird nicht mehr dieselbe sein wie vor Corona: Wir werden einen großen Digitalisierungsschub in der Branche sehen.

procontra: Die veränderten Arbeitsabläufe spielen in der öffentlichen Diskussion allerdings eine weit geringere Rolle als das Thema Betriebsschließungsversicherungen, das derzeit in sämtlichen Medien zu finden ist. Haben die Versicherer hier Fehler gemacht?  

Wagner: Die Lage ist verwickelter, als sie scheint: Zunächst gilt es zu fragen: Was steht in den Versicherungsbedingungen? Hier gibt es unterschiedliche Fälle. Ist Pandemie erstens eindeutig eingeschlossen, dann wird auch gezahlt. Gibt es zweitens eine klare Ausschlussklausel, dann dürfen die Versicherer schlicht und einfach nicht bezahlen: Schutz der Versicherungsnehmer bedeutet auch immer Schutz des Kollektivs. Die Vorstände würden sich ansonsten zudem wegen Veruntreuung haftbar machen. Oder drittens: Sind die Regelungen unklar. Hier liegt das eigentliche Problem.  Falls eine Pandemie in den Versicherungsbedingungen nicht eindeutig ausgeschlossen wird, und das kommt vor, geraten wir in eine Grauzone. In diesen Fällen gibt es unterschiedliche Sichtweisen einerseits von Versicherern und andererseits von Verbraucherschützern oder der Politik oder auch der Versicherungsvermittler, die unter Umstünden eine eigene Beratungshaftung befürchten. Das ist allerdings nur die technisch-rechtliche Seite der Debatte.

Daneben gibt es noch eine kommunikative Sicht der Dinge – und hier besteht seitens der Versicherer Verbesserungsbedarf. Das bedeutet für die Versicherer, sich erst einmal selbst die Verhältnisse klar zu machen, eine eindeutige Haltung zu gewinnen und diese dann auch offen und transparent nach außen zu transportieren. Mit Blick auf die Gesamtbranche greift die Kritik aber auch zu kurz, da man sich jeden Versicherer, jedes Deckungsversprechen mit den dahinterstehenden Vertragsbedingungen einzeln anschauen muss. Es ist also schon eine komplizierte Gemengelage.  

procontra: BDVM-Chef Jenssen schlug einen Solidaritätsfonds der Versicherungswirtschaft in Höhe von 200 Millionen Euro vor – wäre das eine Möglichkeit für die Versicherer, ihr Image aufzubessern?  

Wagner: Das wäre sicherlich ein Zug, der dem Image der Versicherer gut tun würde. Allerdings ist es nicht die Aufgabe eines Versicherers, solidarisch Geld zur Verfügung zu stellen. Menschlich wäre eine solche Aktion sicherlich zu befürworten, jedoch sind demgegenüber wieder Compliance-Gesichtspunkte, also Rechtsfragen abzuwägen: Auch hier ist wieder an den Schutz des versicherten Kollektivs zu denken. Außerdem: Warum sollten sich Versicherer beteiligen, die Pandemien klar eingeschlossen oder klar ausgeschlossen haben oder die eine Betriebsschließungsversicherung gar nicht anbieten? Es kann ja nicht sein, das für etwas geleistet wird, für das gar keine Prämie gezahlt wurde.  

Generell gilt: Es ist schwierig, das Geschäftsmodell von Versicherungen nach außen zu transportieren und zu erklären. Hierfür fehlt es in der breiten Öffentlichkeit auch an Verständnis. Aber nochmal: Es fehlt auch an einer guten Kommunikation aus der Branche heraus. Vielleicht ist auch deshalb das Image der Versicherer in der Öffentlichkeit per se nicht gut.  

procontra: Brauchen die Versicherer denn überhaupt ein gutes Image? Versicherungen werden schließlich immer gebraucht.  

Wagner: Ich glaube schon, dass ein schlechtes Image für die Branche schädlich ist – zumindest indirekt. Ein schlechtes Image führt auch immer zu Konsequenzen in den Haltungen der Verbraucherschützer, Medien oder Politik. In der Folge kann das dann zu unerwünschten Meldungen oder weitergehenden Regulierungen führen, die das Management der Versicherer in Atem halten und das Geschäft nicht gerade erleichtern.  

procontra: Viele Insurtechs nutzen die Krise zur Herausstellung ihres digitalen Geschäftsmodells. Ist die Krise für sie der Durchbruch?  

Wagner: Die Insurtechs haben vor dem Hintergrund der derzeitigen Krise den Vorteil, von vorneherein komplett digitalisiert in ihr Geschäftsmodell gestartet zu sein. Aber auch den etablierten Versicherern gelingt gerade ein sehr großer Digitalisierungsschub. Das gilt natürlich nicht für jeden – der eine oder andere ist sicher kälter erwischt worden und wird mit der Entwicklung nicht mithalten können. Gerade die großen, aber auch die flinken mittelständischen Versicherer sehe ich aber keineswegs in der Hinterhand – für sie wird die derzeitige Situation zu einer echten Bewährungschance im Hinblick auf Technik, Flexibilisierung und Kundeninteressen.  

Die InsurTechs haben aber nun auch das Problem, dass sie schauen müssen, ob sie ausreichend finanziert sind. Die großen Kundenbestände und somit die großen, monatlichen Prämienzuflüsse haben sie noch nicht. Die große Frage ist: Wird es jetzt in der Krise auch weitere große Finanzierungsrunden geben? Nur mit Kurzarbeitergeld und Darlehen ist den InsurTechs nur sehr begrenzt geholfen. Sie müssen skalieren und sich weiterentwickeln. Ich bin gespannt, welche Auswirkungen die derzeitige Krise auf sie haben wird: Entweder befördert sie die Insurtechs, da sie technisch in der Vorhand sind und interessante Geschäftsmodelle haben. Andererseits stellt sich die Frage nach der ausreichenden Finanzierung: Können die Insurtechs die derzeitige Situation überbrücken? Da sehe ich den Vorteil eher bei den etablierten Versicherern.  

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