Lebensversicherungen: Das riskante Geschäft mit den Einmalbeiträgen

Stefan Terliesner Berater Versicherungen Top News Meistgeklickt

Strafzinsen als Treiber  

Unabhängige Beobachter freilich sprechen von einer „Flucht in Sicherheit“. Denn an den Kapitalmärkten ist das Zinsniveau in vielen Ländern tief in den negativen Bereich gerutscht. Banken, die Geld bei der Zentralbank parken, müssen dafür bezahlen. Diesen „Strafzins“ geben viele Kreditinstitute an ihre Kunden weiter. So kommt es, dass Sparer auf ihren Bankguthaben eine Gebühr bezahlen müssen. Und plötzlich erscheint die Lebensversicherung, die ja immer noch einen positiven Zins verspricht, als Ausweg aus dem Dilemma. Klassische Lebensversicherungen garantieren sogar 0,9 Prozent. Geld zu bekommen ist Kunden halt lieber als Geld zu bezahlen.  

Ein Teil des Wachstums der Einmalbeiträge ist technisch bedingt. Denn auch Verträge mit flexiblen Beitragszahlungen werden immer häufiger abgeschlossen – zum Beispiel mit der Option, ein 13. Monatsgehalt zusätzlich zum laufenden Beitrag einzuzahlen. Das würde dann bilanziell als Einmalbeitragsgeschäft verbucht. Lars Heermann, Bereichsleiter Analyse und Bewertung bei Assekurata, konnte den Effekt auf Anfrage aber nicht beziffern. Und ein Sprecher der Allianz sagte zwar, dass der Versicherer bei den Einmalbeiträgen „stark gewachsen“ ist. Zahlen wollte er aber nicht nennen. Seine Begründung: „Die Unterscheidung zwischen Einmalbeiträge und laufende Beiträge verliert zunehmend an Bedeutung, da die Aussagekraft eingeschränkt ist. Daher stellen wir diese Unterscheidung in der Analyse nicht mehr dar.“  

Gefahr fürs Kollektiv

Tatsache ist aber auch, dass ein starkes Wachstum im Einmalbeitragsgeschäft auch zu Lasten des Versichertenkollektivs gehen kann. Denn die neu reinkommenden Beiträge der Kunden müssen am Kapitalmarkt angelegt werden – oft zu einem extrem niedrigen Zinssatz. Das könnte letztlich die Rendite der langjährigen Kunden verwässern. Das wäre der Fall, „wenn die Einmalbeiträge auf breiter Linie tatsächlich mit überhöhten Zinsversprechen eingekauft würden“, erklärt Heermann gegenüber procontra.

Für manche Versicherern scheint das Thema heikel zu sein. So teilte ein Sprecher der Gothaer auf Nachfrage zum Einmalbeitragsgeschäft nur mit: „Wir möchten die Geschäftsentwicklung nicht kommentieren“. Medien zufolge hat die Gothaer 2019 ihr Einmalbeitragsgeschäft um 30 Prozent gesteigert. Und ein Sprecher von Provinzial Nordwest – laut Zeitungsbericht plus 22 Prozent Wachstum im Einmalbeitragsgeschäft – betonte: „In der jährlichen Deklaration der Überschussbeteiligung stellt die Provinzial Nordwest sicher, dass die Verzinsung der Guthaben in den Einmalbeitragsprodukten nicht zu Lasten des übrigen Versicherungskollektivs gewährt wird. Insbesondere erhalten deshalb die Einmalbeitragsprodukte eine niedrigere laufende Verzinsung als das Normalgeschäft.“

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