Lebensversicherungen: Das riskante Geschäft mit den Einmalbeiträgen

Stefan Terliesner Berater Versicherungen Top News Meistgeklickt

Der Garantiezins fällt mindestens auf 0,5 Prozent. Dennoch kaufen Kunden wie wild Lebensversicherungen. Es deuten sich gravierende Umwälzungen an.

Risiko: Wenn Versicherer Einmalbeiträge mit hohen Zinsversprechen einkaufen, riskieren sie, die Rendite ihrer Altkunden zu verwässern.

Risiko: Wenn Versicherer Einmalbeiträge mit hohen Zinsversprechen einkaufen, riskieren sie, die Rendite ihrer Altkunden zu verwässern. Bild: picture alliance

Das ist ein krasser Widerspruch: Der sogenannte Garantiezins in der Lebensversicherung steuert stramm auf null zu. Als Vertriebsargument fällt er damit nahezu aus. Gleichzeitig boomt das Geschäft mit Lebensversicherungen. Eine verrückte Welt der Assekuranz ist das – auf jeden Fall erklärungsbedürftig. Zunächst zur Entwicklung des Garantiezinses, der fachlich korrekt Höchstrechnungszins heißt.  

Ministerium folgt Aktuaren nicht  

Alles deutet darauf hin, dass das Bundesfinanzministerium den Höchstrechnungszins auf weniger als 0,5 Prozent senken wird. Die Entscheidung stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest. Sie dürfte im April erfolgen. Das wäre ein neuer Tiefpunkt. In der Regel folgt Berlin dem Rat der Deutschen Aktuarvereinigung, die sich am 10. Dezember 2019 für eine Absenkung zum 1. Januar 2021 von 0,9 Prozent auf 0,5 Prozent aussprach. Vorausgegangen war ein erneutes Abrutschen des Zinsniveaus an den Kapitalmärkten. Das Ministerium weicht nur ganz selten von dem Vorschlag der Versicherungsmathematiker ab. Jetzt wird es wohl wieder eine Ausnahme von der Regel geben, denn das Zinsniveau ist im ersten Quartal 2020 nochmals gefallen.  

Deutliche Hinweise auf eine Reduzierung des Höchstrechnungszinses über 0,5 Prozent hinaus gab es bereits auf der Jahrespressekonferenz der Ratingagentur Assekurata am 13. Februar in Köln. Dort äußerten Analysten die Erwartung, dass einige Versicherer einen Satz von 0,5 Prozent gerne unterschreiten würden. Offenbar steht so manchem Anbieter das Wasser bis zum Hals. Weitere Recherchen in der Branche ergaben, dass die Höhe des Garantiezinses im ersten Quartal 2020 unter Versicherern heftig diskutiert wurde. Manche Unternehmen würden in Eigenregie bis auf einen Satz von 0,3 Prozent runter gehen, andere hätten gerne 0,7 Prozent, hieß es.  

Wettbewerb nicht erwünscht  

Bekanntlich stellt der Höchstrechnungszins die Obergrenze für die jährlichen Garantiezusagen der Versicherer dar. Sätze darunter darf jeder Anbieter selbst wählen. Nur weil in der Vergangenheit alle Unternehmen den Spielraum nach oben voll ausgeschöpft haben, wurde der Höchstrechnungszins zum branchenweiten Garantiezins. Zumindest um die Höhe dieses Versprechens sollte es unter den Anbietern keinen Wettbewerb geben. Vermutlich um einen einheitlichen Satz zu retten, wird Berlin jetzt wohl die Messlatte auf unter 0,5 Prozent senken. Seit dem 1. Januar 2017 liegt der Höchstrechnungszins bei 0,9 Prozent. Vor zwanzig Jahren betrug er 4 Prozent.  

Völlig verrückt erscheint vor diesem Hintergrund auf den ersten Blick der aktuelle Boom bei Lebensversicherungen. Laut Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) verzeichneten Lebensversicherer 2019 ein Beitragsplus von 11,3 Prozent auf 102,5 Milliarden Euro. Der Sprung kam ausschließlich aus dem Geschäft mit Policen gegen Einmalbeitrag. Es explodierte förmlich um 37,1 Prozent auf 38,2 Milliarden Euro. Das Geschäft gegen laufenden Beitrag stagnierte bei 64,3 Milliarden Euro. GDV-Präsident Wolfgang Weiler wertete die Beitragsentwicklung als „klaren Vertrauensbeweis für unsere Branche“.  

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