Corona: Ein europäischer Versicherungsfonds für Katastrophenfälle?

Anne Hünninghaus Corona Versicherungen Top News

Um Krisen künftig wirksamer zu begegnen, plädiert Allianz-Chef Bäte für einen Notfallfonds europäischer Versicherer. Torsten Oletzky, Professor am Versicherungsinstitut der TH Köln, hat die Idee für procontra eingeschätzt.

Torsten Oletzky kommentiert die Idee eines gemeinsamen Krisenfonds Für Versicherungen.

Torsten Oletzky kommentiert die Idee eines gemeinsamen Krisenfonds Für Versicherungen. Bild: TH Köln/Thilo Schmülgen

In einem Interview im aktuellen „Spiegel“ spricht Oliver Bäte, Vorstandsvorsitzender der Allianz, über die unpopuläre Rolle der Versicherungen in der Corona-Krise. Besonders mit seinem Vorschlag, Europas Versicherer sollten künftig in einen gemeinsamen Notfalltopf einzahlen, um besser aufgestellt zu sein, erregte der Chef des Branchenprimus Aufsehen.

Hier der Wortlaut dazu aus dem „Spiegel“-Interview: „Wir sollten in Europa eine gemeinsame Lösung finden, weil wir eine Gefahrengemeinschaft sind. Ich wäre dafür, auf europäischer Ebene einen Fonds einzurichten, in den die Versicherungsbranche einzahlt und den man in Krisensituationen anzapfen kann – und zwar nicht nur für Pandemien, sondern auch für schwere Naturkatastrophen. Der Klimawandel wird so gravierende Folgen haben, dass es gut wäre, sich dafür ein Polster zuzulegen.“

Mit procontra hat nun der ehemalige Ergo-Manager Torsten Oletzky, heute Professor an der Fakultät für Wirtschafts- und Rechtswissenschaften der TH Köln, seine Einschätzung dieser Idee geteilt.

„In der Not erwarten Bürger konkrete Hilfestellungen“

Torsten Oletzky: "Im Interview schlug Allianz-Chef Oliver Bäte vor wenigen Tagen einen Fonds auf europäischer Ebene zur Reaktion auf Katastrophen wie die gegenwärtige Pandemie vor. Die Versicherer sollen in diesen Fonds einzahlen. Ich kann mir vorstellen, dass dieser Vorschlag in vielen Vorständen deutscher Versicherer nicht gerade mit Begeisterung aufgenommen wurde. Die rote Linie lautete bisher immer: „Der Versicherer leistet bei versicherten Risiken, darüber hinaus gehende Katastrophenhilfe ist Sache des Staates“. Für diese Position gibt es viele gute Argumente. Dennoch halte ich den Vorschlag von Allianz-Chef Bäte für richtig und die Diskussion darüber für wichtig.

In Krisensituation wie der aktuellen kommen die Versicherer immer wieder unter Druck. Sie müssen erklären, warum bestimmte Risiken nicht gedeckt sind und auch ein Kunde, der dachte, dass er eine ausreichende Deckung gekauft hat, den Schaden nicht oder wenigstens nicht ansatzweise in der tatsächlichen Höhe erstattet bekommt – weil die Deckung dafür einfach nicht gemacht war.

In der Not hilft es aber nicht, wenn die Versicherer ihre juristisch einwandfreie Position erläutern. Bürger und Unternehmen erwarten vielmehr konkrete Hilfestellungen. Diese europaweit zu organisieren macht in jeder Hinsicht Sinn. Wenn das europäische Projekt scheitert, weil die Bürger Europa in der Krise nicht als Teil der Lösung sondern als Teil des Problems sehen, bekommen auch die Versicherer ein Problem, das deutlich größer ist als das einer Pandemie.

Viele Fragen in der Umsetzung von Bätes Vorschlags sind noch ungeklärt. Welche Sachverhalte sollen abgedeckt werden? In welchen Situationen wird die Hilfe aus dem Fonds aktiviert? Welchen Beitrag leisten die Versicherer, welchen der Staat, welche andere Akteure? Es wäre gut, wenn die Versicherer und ihre Verbände bei der Klärung dieser Fragen eine treibende Rolle einnehmen und nicht abwarten würden, um nachträglich an den Tisch gebeten zu werden. In den Zeiten großer Krisen kann die Versicherungswirtschaft ihren Wert für die Gesellschaft unter Beweis stellen – diese Chance sollte sie nutzen!"

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