Warum die Corona-Krise das Thema Nachhaltigkeit nicht überschatten darf

Anne Hünninghaus Unternehmen Corona Berater

Auch in Krisenzeiten dürfen ESG-Bemühungen nicht auf Eis gelegt werden, findet Stephan Bongwald. Der Nachhaltigkeitsbeauftragte der Barmenia erklärt im Interview, warum ökologische und soziale Verantwortung zur DNA der Branche gehören sollten.

Stephan Bongwald ist Nachhaltigkeitsbeauftragter der Barmenia.

Stephan Bongwald ist Nachhaltigkeitsbeauftragter der Barmenia. Bild: Martin Jepp/Barmenia

Mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftigt sich Stephan Bongwald seit vielen Jahren – als einer der ersten in der Funktion des Nachhaltigkeitsbeauftragten einer Versicherung beobachtet er die Entwicklungen seit 2012. Zudem war er als einziger Vertreter der Branche an der Weiterentwicklung des Deutschen Nachhaltigkeitskodex beteiligt, einem Transparenzstandard, der 2011 vom Rat für Nachhaltige Entwicklung ins Leben gerufen wurde.

Das Wuppertaler Versicherungsunternehmen bietet nachhaltige Produkte und eine entsprechende Kapitalanlage. Zudem wirtschaftet der Hauptstandort seit 2015 klimaneutral.

procontra: Herr Bongwald, ESG war ein Trendthema der vergangenen Monate. Dann kam die Corona-Pandemie und mit ihr die drohende Wirtschaftskrise, die den Blick von langfristigen Zielen zu Akutmaßnahmen verschiebt. Legt Corona das Thema ESG erst einmal auf Eis?

Stephan Bongwald: Corona ist derzeit ein aktuelles Thema, das Sofortmaßnahmen erforderlich machen. Da ESG die Umwelt, das Soziale und eine gute Unternehmensführung beinhaltet, kann man Corona auch diesem Themenfeld zuschreiben. Die Verknüpfung ist für viele aber nicht greifbar. Es zeigt jedoch, dass die drei Säulen Soziales, Umwelt und Wirtschaft nicht losgelöst voneinander betrachtet werden können. „Corona ist jetzt wichtiger“ darf es also nicht geben. Und es ist ein Irrglaube, dass es teuer sein muss, alles zusammen zu denken.

procontra: Viele befürchten, dass Nachhaltigkeit auf Kosten der Rendite geht.

Bongwald: Das ist aber nicht der Fall. Nehmen wir das Beispiel Nachhaltigkeitsfonds. Viele Studien und auch unsere eigenen Erfahrungen zeigen, dass sie sich positiv entwickeln und kein Renditeverzicht damit einhergeht. Wir bieten Nachhaltigkeitsfonds in unserer Fondsgebundenen Rentenversicherung an und unsere Kapitalanleger setzen seit dem Jahr 2014 konsequent ESG-Kriterien um. Experten schätzen den Klimawandel auf lange Sicht als deutlich bedrohlicher ein als die akute Gefahrensituation rund um das Corona-Virus. Diese Einschätzung teile ich. In den vergangenen Jahren hat man eine Zunahme an Gesetzen gespürt und man spricht sogar davon, dass Nachhaltigkeit im nächsten Jahrzehnt die politische Agenda bestimmen wird.

procontra: Sehen Sie die Versicherungsbranche generell in puncto Nachhaltigkeit auf einem guten Stand?

Bongwald: Versicherungsunternehmen bieten Menschen an, sie vor Unwägbarkeiten des Lebens finanziell zu schützen oder durch Hilfeleistungen zu unterstützen. Kernaufgabe der Branche ist, gesellschaftliche Herausforderungen aufzuspüren und Versicherungslösungen anzubieten, nehmen wir hier die Beispielthemen Altersarmut und Pflegebedürftigkeit. Wir bieten Versicherungsschutz für Jahrzehnte und damit ist unser Geschäftsmodell per se auf nachhaltiges Handeln ausgelegt. Wenn wir jemandem die Altersvorsorge zusagen, müssen wir das Geld mit Blick auf Langfristigkeit anlegen. Insofern sind wir als Branche von vornherein zu nachhaltigem Handeln verpflichtet. Ich setze Nachhaltigkeit oftmals mit vorbildlichem Unternehmertum gleich. Dieser Unternehmer achtet nicht nur auf seinen Gewinn, sondern natürlich auf seine Kunden, seine Mitarbeiter und die Gesellschaft insgesamt. Nur so kann er erfolgreich sein.

procontra: Bei der Mehrheit weckt der Begriff allerdings andere Assoziationen.

Bongwald: Zu oft wird er leider nur auf Ökobewusstsein gemünzt – er ist aber viel größer, basiert auf den drei Säulen Umwelt, Soziales und Wirtschaftlichkeit. Deshalb haben wir uns beispielsweise auch dagegen entschieden, die Barmenia in Werbebotschaften als „der grüne Versicherer“ zu bezeichnen – das weckt falsche beziehungsweise zu kurz gedachte Assoziationen. Wir verstehen uns als verantwortungsbewusstes Versicherungsunternehmen, das Nachhaltigkeit in der Unternehmenskultur verankert hat.

Seite 1: "Nachhaltigkeit wird die politische Agenda bestimmen"
Seite 2: "In den ESG-Markt wird Bewegung kommen"

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