"Nach wie vor ist sehr viel Unsinn auf dem Markt"

Martin Thaler Versicherungen Top News

Seit sechs Jahren zeichnet der Bund der Versicherten aus seiner Sicht fragwürdige Produkte mit dem "Versicherungskäse" aus. procontra sprach mit Bianca Boss über die Wirkung des Preises, die Verantwortung der Kunden und besonders auffällige Produkte.

Bianca Boss

Vor sechs Jahren gründete der BdV mit Sprecherin Bianca Boss den Negativ-Branchenpreis "Versicherungskäse". Bild: BdV

procontra: Frau Boss, vor sechs Jahren wurde der Versicherungskäse gegründet. Welches Produkt hat Sie so erbost?

Bianca Boss: Es war kein besonderes Produkt, vielmehr die allgemeine Situation. Uns ist in unserer täglichen Arbeit einfach aufgefallen, wie viele intransparente, nutzlose, unsinnige und mysteriöse Versicherungen auf dem Markt sind. Mit dem Versicherungskäse wollten wir die Menschen dafür sensibilisieren, dass sie sich in erster Linie nur gegen existenzielle Risiken absichern und nur solche Produkte kaufen sollten, die sie selbst auch verstehen.

procontra: Was macht denn aus Ihrer Sicht ein schlechtes Versicherungsprodukt aus?

Boss: Da gibt es verschiedene Kriterien: Das können Produkte sein, die für den Kunden, selbst für den Versicherungsberater, vollkommen unverständlich sind. Schlechte Produkte weisen auch zu hohe Kosten auf, ohne dafür eine entsprechende Leistung zu bieten. Oder es sind Produkte, die für den Kunden keinen wirklichen Nutzen bieten.

procontra: Wie gehen denn die Versicherer mit der Auszeichnung um?

Boss: Bislang hat keiner der „ausgezeichneten“ Versicherer den Preis persönlich entgegengenommen. Einzige Ausnahme, die hier auch mal lobend erwähnt werden sollte, ist die Allianz. Wir würden es begrüßen, wenn die Versicherer aktiv an der Preisverleihung teilnehmen würden – sie können vor Ort die Kritik akzeptieren, haben aber auch die Möglichkeit, zu widersprechen und zu erklären, warum ihr Produkt super ist. Manche Versicherer, wie beispielswiese die Ideal mit ihrer Krebsversicherung, haben nach der Verleihung mit uns ja auch das Gespräch gesucht.

procontra: Hat der Versicherungskäse also mehr als eine mediale Wirkung?

Boss: Die Krebs-Versicherung der Ideal ist vom Markt verschwunden und zu einer Dread-Disease-Versicherung geworden. Wir haben mit derIdeal auch Gespräche hierüber geführt – ob diese allerdings dazu beigetragen haben, dass die Versicherung vom Markt verschwindet, das wage ich nicht zu behaupten. Die Stadionversicherung der Allianz gibt es ebenfalls nicht mehr und auch die Schülerversicherung der BGV und Württembergischen Gemeinde-Versicherung ist nicht mehr so auf dem Markt, wie sie ausgezeichnet wurde.

procontra: Mittlerweile gibt es die Schülerversicherung aber wieder.

Boss: Aber nicht mehr in der früheren Form. Damals wurden sie aktiv von den Lehrern vertrieben, mittlerweile gibt es Gruppenverträge, die von den Kommunen abgeschlossen werden, Auch hier gilt aber: Existenzieller Versicherungsschutz der Kinder gehört in die Hände der Eltern. Sie müssen dafür sorgen, dass ihre Kinder abgesichert sind, mit einer Privathaftpflichtversicherung und gegebenenfalls einer Unfall- oder Kinderinvaliditätsversicherung.

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