Fidelity-Chef: "Wir brauchen Standards im ESG-Dickicht"

Anne Hünninghaus Finanzanlagenvermittlung Berater Investmentfonds

Deutsche Privatanleger zeigen sich bisher wenig empfänglich für nachhaltige Finanzprodukte. Wie können Makler und Anbieter für den "Greta-Faktor" sensibilisieren? procontra hat bei Alexander Leisten, Deutschlandchef des Asset Managers Fidelity International, nachgefragt.

Fidelity-Deutschland-Chef Alexander Leisten.

Fidelity-Deutschland-Chef Alexander Leisten. Bild: Fidelity/Oliver Ruether

procontra: Herr Leisten, der Greta-Faktor spielt bei deutschen Privatanlegern – im Gegensatz zu institutionellen – bislang kaum eine Rolle. Wie erklären Sie sich, dass die Menschen im Biomarkt einkaufen und Plastikmüll vermeiden, in diesem Bereich aber nicht bereit sind, ihr Verhalten anzupassen?

Alexander Leisten: Für Verbraucher sind Finanzen häufig noch immer ein Buch mit sieben Siegeln und vor allem immer noch ein sensibleres Thema als beispielsweise der Kauf von Bio-Lebensmitteln. Durch diese Distanz halten sich hartnäckig Vorurteile, wie zum Beispiel, dass nachhaltige Anlagen Renditekiller seien. Ausgehend von diesen Fehlinformationen fällt es ungleich schwerer, nachhaltige Produkte anzunehmen. Wenn man jedoch die Kunden fragt, ob sie bei gleicher Rendite auch nachhaltige Produkte kaufen, würde niemand nein sagen.

procontra: Sie betonen, dass schlechtere Renditen durch ESG-Produkte ein Mythos seien. Einige Studien mit Langzeitbetrachtungen geben Ihnen Recht. Wessen Aufgabe ist es, hier Aufklärungsarbeit zu leisten – sehen Sie Makler hier in der Pflicht?

Leisten: Es ist sehr wichtig, transparenter zu werden und Aufklärungsarbeit zu leisten. Ein großes Stück der Arbeit liegt natürlich bei uns. Als Asset Manager müssen wir Materialien, Service und das entsprechende Know-how liefern, damit wir die Berater bei ihrer Tätigkeit aber auch die Kunden in leicht verständlicher Sprache bei der Entscheidungsfindung mit objektivem Input unterstützen können. Um Privatanlegern das Thema näher zu bringen, nutzt Fidelity zum Beispiel Webinare, um in einen direkten Dialog zu treten.

procontra: Das Grundproblem: Nachhaltigkeit ist ein schwammiger Begriff. Kritiker werfen der Finanzindustrie vor, dass sie ihre Produkte einfach als nachhaltig umdeklarieren, um den Vertrieb zu stärken. Wie können Vermittler verhindern, dass ihren Kunden alter Wein in grünen Schläuchen verkauft wird?

Leisten: Zum einen ist der Regulierer aufgerufen, die aktuelle schwammige Definition zu standardisieren. Zum anderen tragen wir als Asset Manager unseren Teil dazu bei, indem wir ein stringentes und konsequentes ESG-Konzept erarbeiten und umsetzen. Unser Nachhaltigkeitsansatz basiert auf den drei Kernelementen ESG-Integration, Engagement und Kooperation. Fidelity hat eigene Ratings entwickelt und diese in den kompletten Investmentprozess integriert. Zudem nutzen wir als großer internationaler Investor unseren unmittelbaren Einfluss dazu, um für die 3.700 Unternehmen aus unserem Investmentuniversum ein eigenes ESG-Rating zu erstellen. Dieses Wissen und das Rating fließen institutionalisiert in unseren Investmentprozess ein. Wir setzen Unternehmen zusätzlich ESG-Ziele, an deren Einhaltung wir sie messen. Das dritte Element ist Kollaboration. Wir müssen als Branche mit der Politik und Verbänden und Nicht-Regierungsorganisationen gemeinsam Druck auf die Unternehmen ausüben. Dazu gilt es, miteinander nicht gegeneinander zu arbeiten.

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