Corona-Maßnahmenpaket: So kontrovers reagiert die Branche

Anne Hünninghaus Corona Berater Top News

Dr. Sebastian Grabmaier, Vorstandsvorsitzender Jung DMS & Cie.:

"Liquiditätshilfen von mindestens 9.000 Euro auch für Kleinunternehmer sind genau das Richtige, aber nur, wenn sie unbürokratisch und schnell ausgezahlt werden können."

procontra: Was halten Sie von den gestern beschlossenen Unterstützungsmaßnahmen der Bundesregierung für Selbstständige und kleine Betriebe?

Grabmaier: Geldversprechen allein reichen nicht, man muss das Geld schnell erhalten können. Es ist erst einmal positiv, dass die Bundesregierung nun offensichtlich den Schuss gehört hat, denn die Verkündung von Kontakt- bzw. Ausgangssperren ohne gleichzeitige Hilfspakete für die Wirtschaft war zunächst unglücklich. Die umfangreichen Hilfsmaßnahmen klingen gut und die Grundaussage, dass „keiner allein gelassen wird“ auch. Allerdings mache ich mir Sorgen um die zügige Umsetzung: Liquiditätshilfen von mindestens 9.000 Euro auch für Kleinunternehmer sind genau das Richtige, aber nur, wenn sie unbürokratisch und schnell ausgezahlt werden können. In unserer föderalistischen Organisation weiß aber derzeit noch keiner, wo er anrufen soll. Und auch KfW-Darlehen für größere Unternehmen sind grundsätzlich prima, dafür muss die Hausbank aber auch arbeitsfähig sein und den Kreditantrag mitten in der Krise bearbeiten wollen. Ähnliches sieht man bei der vorher schon beschlossenen Verbesserung der Kurzarbeitsregelungen: Anträge scheitern derzeit an der kompletten Überlastung der dafür zuständigen Jobcenter.

procontra: Welche Hilfsangebote würden Sie sich im Sinne der Makler darüber hinaus wünschen?

Grabmaier: Die größte Gefahr für Makler ist derzeit die Stornohaftung für die abgeschlossenen Lebens- und Krankenversicherungsverträge. Durch Kurzarbeit und Entlassungen könnte sich diese für manche Vermittler als existenzielle Gefahr herausstellen. Wir sind hier mit vielen Versicherungsgesellschaften bereits im Gespräch und die meisten zeigen sich sehr kulant was das Thema Stornohaftung angeht. Aber hier könnte ich mir durchaus auch eine rechtliche Regelung vorstellen – etwa so, wie im Mietrecht; also eine Aussetzung der Stornohaftung für wenige Monate.

procontra: Teilen Sie die optimistische Einschätzung mancher Makler, die Krise sei nun eine Chance – beispielsweise, um sich digital besser aufzustellen?

Grabmaier: Natürlich muss jeder Unternehmer erst einmal den unmittelbaren Fortbestand seines Unternehmens sichern und das gilt selbstverständlich auch für jeden Makler.  Liquiditätshilfen oder Haftungsschutz können hier entscheidend sein. Aber in der Tat gibt es gerade in der Krise auch viele Chancen. Und das gilt insbesondere für die Digitalisierung, die von vielen Maklern vor einiger Zeit noch als Gefahr für ihr eigenes Geschäftsmodell angehen wurde. Onlinestrecken und Video-Beratungstools sind in Zeiten von Social Distancing neben der Telefonie der einzig richtige Weg, Kundennähe zu leben und die Kundenbindung zu stärken.

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