Corona: Die Krise als Weckruf für die Branche?

Anne Hünninghaus Corona Berater Versicherungen Digital

Über Innovationen nachdenken? In Versicherungsbetrieben steht aktuell eher das Bestehen im krisengeplagten Alltag im Fokus. Genau der beleuchtet allerdings, woran es bisher hapert – und welche Transformation es schon bald anzustoßen gilt.

Homeoffice-Optionen und ein Arbeitsplatz mit moderner IT-Infrastruktur? In vielen Betrieben ist das keine Selbstverständlichkeit.

Homeoffice-Optionen und ein Arbeitsplatz mit moderner IT-Infrastruktur? In vielen Betrieben ist das keine Selbstverständlichkeit. Bild: Adobe Stock/Halfpoint

Corona ist zurzeit das alles bestimmende Thema. Auf der Führungsebene von Versicherungsunternehmen und Maklerbüros bindet im Augenblick ein jeder seine Kapazitäten daran, die Krise so gut es geht zu managen. Die Produktivität der Organisationen ist teils bereits jetzt stark eingeschränkt. Der ehemalige Ergo-Chef Torsten Oletzky, heute Professor für Strategie im Versicherungswesen an der TH Köln, hat sich in einem Vortrag am Donnerstagmorgen dennoch dem Thema gewidmet, wie Versicherer technologische Innovationen umsetzen können.

Veraltete Systeme, träge Betriebe

„Gerade in Zeiten der Krise ist Technologie der Schlüssel, um in solchen Situationen zu überleben,“ sagt Oletzky, der beratend für den Software-Anbieter Guideware tätig ist, in dessen Auftrag das Webinar angeboten wurde. Noch vor zwei, drei Wochen, so sein Eindruck, sei bei vielen Managern nicht angekommen, dass es eine Dringlichkeit geben könnte, auf Remote-Arbeit umzustellen. „Viele tun sich schwer damit, auf die neuen Anforderungen zu reagieren“. Das liegt seiner Beobachtung nach an zumeist ungeeigneten Arbeitsprozessen, um den Service aus dem Homeoffice aufrechtzuerhalten.

Mitarbeiter sind teils nicht mit der Hardware ausgestattet, um von zu Hause aus zu arbeiten, auch haben sich vielerorts noch keine agilen Personalprozesse etabliert. „Die Organisationen, denen das gelingt, sind in einer deutlich stärkeren Position. Die Krise sollte Ansporn sein, unser Arbeiten zu modernisieren!“, so der Appell von Oletzky. Statt nach wie vor auf IT-Systeme zu setzten, die teils 15 bis 20 Jahre alt seien, sollten Betriebe zudem auf Standardsoftware umsatteln. „Für mehr Effizienz brauchen wir einen Paradigmenwechsel in der Branche: Statt den Fokus darauf zu setzen, individuelle Bestandsführungssysteme zu entwickeln, sollen Organisationen ihre Ressourcen lieber investieren, um Produkte zu differenzieren“, so der – mit Blick auf seinen Auftraggeber nicht unbedingt objektive – Rat.

Innovationen nur auf der grünen Wiese?

Während sich in der „guten alten Zeit“ Innovationen im Versicherungswesen auf leichte Modifikationen der Produkte beschränkte, stehen Versicherer und Makler heute vor massiven Herausforderungen: Überalterung im Vertrieb, neue digitale Konkurrenz, beispielsweise in Form von Vergleichsplattformen und die anhaltende Niedrigzinsphase zwingen  zum Handeln.

Trotzdem scheint der Druck, sich verändern zu müssen, bislang noch nicht allzu groß zu sein, beobachtet auch Oletzky. „Gewinnsteigerungen und Wachstum der Branche in der vergangenen Zeit stimmen einerseits erfreulich – sie dürfen aber nicht dazu führen, dass nicht in Innovationen investiert wird.“ Ein weiteres Problem sieht der Experte darin, dass begrüßenswerte moderne Geschäftsmodelle etablierter Versicherer abgekoppelt werden. Im „Greenfield-Bereich“, einer Spielwiese mit neuen Strukturen innerhalb des Betriebes, ließe sich leichter experimentieren – aber wie finden Innovation zurück in die Kerngeschäftsmodelle? Ein solcher Transfer in die Dachmarke sollte nicht zu lange verzögert werden, so die Warnung.

Insurtechs auf der Überholspur?

Schlägt nun die Stunde einer neuen Generation von digitalbasierten Angeboten? „Insurtechs sind dank mobile-first-Ansatz, technischer Infrastruktur und Direktvertrieb krisensicher“, lautet ein Statement von Christian Wiens, CEO und Gründer des Heidelberger Versicherungs-Start-up Getsafe. Die Entwicklung um Corona könne man daher sogar als Brandbeschleuniger für entsprechende Geschäftsmodelle bezeichnen: „In Krisen offenbart sich, wie stark ein digitales Geschäftsmodell ist; der spezielle Fall von Corona unterstreicht, wie groß der technologische Vorsprung gegenüber traditionellen Versicherern ist.“ 

Hochschullehrer und Ex-Manager Torsten Oletzky folgert für klassische Versicherer und Maklerbüros: „Nicht erst in deren Anschluss, sondern bereits gegen Ende der Krise sollten Betriebe eine schonungslose Bestandsaufnahme vornehmen, welche technologischen Defizite bestehen.“

Wenn sich eines Tages die Lage rund um das Coronavirus beruhigt hat, muss es den Betrieben gelingen, sich flexibler aufzustellen. Die Bemühungen sollten – nach den derzeitigen Erfahrungen erst recht – in den Aufbau eines vereinfachtes IT-Umfelds und einer agile Arbeitskultur gesteckt werden, um wettbewerbsfähig und krisenfest zu bleiben.

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