"Die Direktversicherung muss gestärkt werden"

Berater Top News Martin Thaler

Der betrieblichen Altersversorgung kommt bei der Schließung der Rentenlücke eine entscheidende Bedeutung zu. Über neue Vertriebsimpulse, mögliche Gefahren durch die Grundrente und die wachsende Rolle des Themas Nachhaltigkeit für Vermittler sprach procontra mit Dr. Henriette Meissner.

Dr. Henriette Meissner

Dr. Henriette Meissner, Generalvollbemächtigte für die bAV der Stuttgarter Lebensversicherung. Bild: Stuttgarter

procontra: 2019 wuchs der Bestand der bAV-Verträge branchenweit weiter an – jedoch um gerade einmal 100.000 neue Verträge. Ist das für Sie angesichts neuer Anreize wie dem Betriebsrentenstärkungsgesetz ein enttäuschendes Ergebnis? 

Dr. Henriette Meissner: Im Gegenteil: Das ist ein außerordentlich gutes Ergebnis. Laut der vorläufigen GDV-Statistik sind in 2019 673.500 Direktversicherungen und 189.600 Rückdeckungsversicherungen abgeschlossen worden. Wir stehen vor der Aufgabe, die kleinen und mittelständischen Firmen (KMU) anzusprechen. Das sind sehr viele und eher kleine Unternehmen. Die Stuttgarter hat dazu einen digitalen Beratungsansatz entwickelt.  Gerade im Bereich der KMU sind wir außerordentlich erfolgreich. Diese erhöhte Durchdringung haben wir dem Vertrieb zu verdanken, der das in den KMU adressiert. Im Übrigen setzt das Betriebsrentenstärkungsgesetz sehr kraftvolle Akzente, z. B. mit dem 15 % Arbeitgeber-Zuschuss zur Entgeltumwandlung oder mit der Förderung für Niedrigverdiener. Das hilft bei der Ansprache der Unternehmen natürlich sehr.

procontra: Wird sich die jüngst von der Politik beschlossene Beitragsentlastung verkaufsfördernd auf die bAV auswirken? 

Meissner: Auf jeden Fall wird durch den Freibetrag eine große Hürde für die betriebliche Altersversorgung abgemildert. Jetzt müssen wir allerdings aufpassen, dass die beschlossene Grundrente nicht dazu führt, dass die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die dringend privat vorsorgen müssten, die falsche Botschaft erhalten: „Alles gut, ihr braucht nichts mehr zu tun.“ Denn die Grundrente deckt nur den nötigsten Teil ab und das auch nur bei einem Teil der Bevölkerung.

procontra: Auch beim Sozialpartnermodell ging es zuletzt nur zaghaft voran. Werden wir hier in diesem oder nächstem Jahr doch noch einen Durchbruch erleben? 

Meissner: Das hängt letztlich von den Sozialpartnern ab. Die durchführenden Einrichtungen, wie z. B. Das Rentenwerk stehen bereit.

procontra: Die GrüneRente machte zuletzt 9,5 Prozent im Neugeschäft der Stuttgarter aus. Kommen Makler in Zukunft am Thema Nachhaltigkeit noch vorbei? 

Meissner: Der Markt für nachhaltige Produkte ist deutlich vorhanden. Die Menschen sind dafür sensibilisiert. Wir haben sehr erfolgreiche Vermittler, die mittlerweile unser nachhaltiges Produkt GrüneRente als Einstieg und zur Kundenbindung einsetzen. Zusätzlich wird auch der Gesetzgeber aktiv. Ein erster Entwurf der Europäischen Kommission für eine unmittelbar im deutschen Recht geltende delegierte Verordnung zur Berücksichtigung von ESG-Faktoren liegt bereits vor. Die neuen Anforderungen gelten sowohl im Bereich der MIFID-regulierten Investments, als auch im Bereich des Vertriebs von Versicherungsanlageprodukten nach IDD. Aktuell sind Vermittler im Rahmen der Beratung zu Versicherungsanlageprodukten verpflichtet, die Risikobereitschaft, die finanzielle Leistungsfähigkeit (Verlusttragfähigkeit) und den Anlagehorizont des Kunden abzufragen und bei der konkreten Empfehlung zu berücksichtigen. Durch die neuen Vorschriften sollen „Vertreiber“, das heißt Versicherer und Vermittler, zusätzlich verpflichtet werden, ihre Kunden zu den ESG-Aspekten zu befragen und deren entsprechende Präferenzen und Wünsche bei der Beratung zu Versicherungsanlageprodukten zu berücksichtigen.

procontra: In der Politik wird derzeit über die Zukunft des Rentensystems nachgedacht. Welche Nachricht würden Sie gerne mit Bezug auf die betriebliche Altersversorgung demnächst in der Zeitung lesen? 

Meissner: „Gesetzgeber setzt auf die betriebliche Altersversorgung: Vereinfachungen für Arbeitgeber und mehr Möglichkeiten zur Anlage in Sachwerten stehen auf der Agenda“. Denn wir müssen von beiden Seiten kommen: Eine attraktive Kapitaldeckung ist in Niedrigzinsphasen nur durch Sachwertanlagen möglich. Alle Vorschläge haben das als Kernpunkt, und das bedeutet weniger explizite Garantien verbunden mit mehr Chancen. Hier brauchen wir mehr Flexibilität. Gleichzeitig brauchen wir einfache, haftungsarme Instrumente für die kleinen und mittelständischen Unternehmen: Das ist traditionell die Direktversicherung, und die muss gestärkt werden. Die Vereinfachung der versicherungsvertraglichen Lösung für den Fall des Ausscheidens eines Mitarbeiters, die das Bundesarbeitsministerium bereits im Referentenentwurf stehen hatte, ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.