Aufgedeckt: Wer wirklich Schuld an Niedrigzinsen trägt

Versicherungen Top News Meistgeklickt von Michael Fiedler

Die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) ist gar nicht die Ursache der Schieflage bei deutschen Lebensversicherern. Wussten Sie nicht? Dann kennen Sie die Argumente von Axel Kleinlein noch nicht. Ein Kommentar von procontra-Redakteur Michael Fiedler.

Axel Kleinlein wirft Versicherern fehlerhafte Kalkulation vor

Axel Kleinlein wirft Versicherern fehlerhafte Kalkulation vor. Bild: Bund der Versicherten

Erinnern Sie sich noch an die achtziger Jahre? Damals gab es noch Zinsen und Lebensversicherer kalkulierten Verträge mit Zinserträgen von drei oder vier Prozent.
Verrückte Zeiten! Mit solch tollkühnen Kalkulationen haben sich die Lebensversicherer selbst in Schieflage gebracht, meint zumindest Axel Kleinlein vom Bund der Versicherten (BdV). In seiner Video-Neujahresansprache heißt es u.a. „Wir sind in der katastrophalen Lage, weil die Versicherer unfähig waren, vernünftig zu rechnen.“

Ob das so stimmt? Was hätte Axel Kleinlein wohl zu einem Lebensversicherer gesagt, der in den 80er oder 90er Jahren mit einem Zins von 0,5 oder 0,3 kalkuliert hätte? Vermutlich gar nichts. Denn damals (1998-1999) wirkte Kleinlein selbst auf Versicherer-Seite mit. Nicht irgendwo, sondern bei Allianz, die heute den LV-Markt dominiert.

Schade, dass sich Kleinlein an diese Zeit nicht zu erinnern scheint. Stattdessen wirft er der Branche vor, eigene Fehler nicht einzugestehen.
Seltsam... denn an Mahnern mangelt es der Branche nicht. Zu nennen wäre zum Beispiel Giovanni Liverani von Generali. Den umstrittenen Run-Off griff der Deutschland-Chef des Versicherers in einem Interview auf und meinte, weitere Versicherer würden dem Beispiel folgen. Also eigentlich genau das, was auch Kleinlein sagt.

Und am Verhalten von Generali gab es reichlich Kritik aus der Branche – etwa vom Hamburger Poolchef Oliver Drewes (maxpool). Und auch die eigenen Kooperationen scheint der BdV-Vorstand aus den Augen verloren zu haben. Denn erst im August 2019 legte der BdV gemeinsam mit dem Bundesverband Finanzdienstleistungen - AfW ein Forderungspapier zur Stärkung der Kundenrechte von Lebensversicherern vor.

Es gibt also sehr wohl ein Bewusstsein für Fehlentwicklungen in der Branche. Und auch auf Seite der Produktentwicklung passen sich Versicherer an – sofern es Kalkulationsvorschriften zulassen.

Kleinlein weiß das alles. Auch, dass die deutsche LV-Branche wenig für die Niedrigzinspolitik der EZB kann. Aber mit differenzierten Aussagen lassen sich eben schlecht Schlagzeilen produzieren.

  • Facebook Kommentare
  • Disqus Kommentare