Chemiebranche: Betrieblicher Pflegeschutz statt Sozialpartnerrente

Berater Versicherungen Top News von Detlef Pohl

Die reine Beitragszusage hat es weiter schwer mit ihrem Durchbruch. In der Chemiebranche, traditionell ein bAV-Schwergewicht, kam kein Sozialpartnermodell zustande. Stattdessen gibt es eine betriebliche Pflegerente. Die Details und die Folgen.

Die Pflegeabsicherung ist ein einzigartiges Modell der bKV und ein riesiger Erfolg für die Chemie- und Pharmabranche“, sagt DFV-Vorstandschef Stefan Knoll vom zuständigen Versichererkonsortium.

Die Pflegeabsicherung ist ein einzigartiges Modell der bKV und ein riesiger Erfolg für die Chemie- und Pharmabranche“, sagt DFV-Vorstandschef Stefan Knoll vom zuständigen Versichererkonsortium. Bild: iStock/RossHelen

Ein seit zehn Jahren anhaltendes Niedrigzinsniveau erhöht den Druck auf langfristige Garantien in der betrieblichen Altersversorgung (bAV). In die Lücke soll das Sozialpartnermodell (SPM) stoßen. Es kommt ohne Garantien und ohne Haftung für die Arbeitgeber aus, bietet aber Chancen auf 30 Prozent höhere bAV (procontra berichtete).

Doch die großen Tarifabschlüsse gibt es noch nicht. Die am ehesten prädestinierte große Branche Metall/Elektro zeigte dem SPM bislang die kalte Schulter. Lediglich ein kleinerer Haustarifvertrag kündigt sich beim Versicherer Talanx an (procontra berichtete).

Auch die Hotellerie/Gastronomie verzichtete kürzlich auf das SPM und setzt stattdessen auf eine Direktversicherung mit abgespeckter, reiner Beitragsgarantie (Hogarente plus). Zu Rentenbeginn stehen mindestens die eingezahlten Beiträge als Guthaben zur Verfügung. Die Signal Iduna hatte sich im Ausschreibungsverfahren für den Flächentarifvertrag durchgesetzt (procontra berichtete).

Was im Chemie-Tarifvertrag steht

Die Abkehr von der Garantieverzinsung ist quasi eine Zwitterlösung zwischen klassischer Direktversicherung und dem SPM. Es könnte auch für andere Branchen ein Kompromiss sein, um der Niedrigzinsfalle zu entkommen. Im jüngsten Tarifabschluss von Chemie/Pharma des Chemie-Arbeitgeberverbandes (BAVC) und der IG Bergbau Chemie Energie (IG BCE) ist nicht mal das gelungen. Im Vordergrund steht wieder einmal die Barlohnerhöhung, die diesmal in zwei Stufen erfolgt: ein Plus von 1,5 Prozent ab Juli 2020 und dann noch mal 1,3 Prozent mehr Entgelt ab Juli 2021.

Ab Juli 2021 gibt es zudem erstmals in Deutschland für sämtliche Tarifbeschäftigte einer Branche eine vom Arbeitgeber bezahlte betriebliche Pflegefallabsicherung. Kostenpunkt: 33,65 Euro pro Monat und Mitarbeiter. Dafür leistet ein Versicherer-Konsortium 300 Euro Pflegegeld pro Monat bei ambulanter Pflege, wenn die gesetzliche Pflegeversicherung nicht ausreicht, und 1.000 Euro bei stationärer Pflege.

Das Produkt nennt sich „CareFlex Chemie“ und wird von einem Konsortium aus Barmenia (20 Prozent Anteil), DFV Deutsche Familienversicherung (35 Prozent) und R+V (45 Prozent) bereitgestellt, die damit bundesweit das erste Konsortium in der betrieblichen Krankenversicherung (bKV) und der Pflege geschaffen haben. Die Geschäfte führen R+V und DFV; letztere ist zudem für das Produkt sowie die Bestandsführung verantwortlich. „Die Umsetzung ist ein einzigartiges Modell der bKV und ein riesiger Erfolg für die deutsche Chemie- und Pharmabranche“, sagt DFV-Vorstandschef Stefan Knoll.

Es sind innerhalb des Gruppenvertrages keine individuellen Gesundheitsprüfungen notwendig. Darüber hinaus lassen sich auch nahe Angehörige wie Ehepartner, Kinder oder Eltern absichern – dann allerdings auf eigene Kosten. Als Vorbild dient ein Pilotmodell, das die IG BCE Anfang 2019 mit dem Dax-Konzern Henkel vereinbart hatte. Versicherer und Produktgeber ist dort die DFV.

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