Reisepleiten: Haftet nun der Bund?

Berater Versicherungen Top News von Detlef Pohl

Der Fonds für Pleiten von Reiseveranstaltern ist viel zu niedrig dotiert – ein Skandal. Trotz Reisepreisabsicherung bleiben viele Kunden auf dem Schaden sitzen. Die Versicherer wähnen sich unschuldig, der Staat schweigt noch, müsste aber haften.

Die begrenzte Versicherungssumme von 110 Millionen Euro ist auf jeder Pauschalreisebuchung ausgewiesen, doch Urlauber wähnten sich in falscher Sicherheit. Bild: Pohl

Nach der Insolvenz des britischen Reisekonzerns Thomas Cook am 23. September musste auch der deutsche Thomas-Cook-Ableger, Vertragspartner hiesiger Urlauber, zwei Tage später in die Insolvenz. Betroffen sind wohl über 600.000 deutsche Urlauber, die bei Thomas Cook, Thomas Cook Signature, Bucher Reisen & Öger Tours, Neckermann Reisen, Bucher Last Minute und Air Marin gebucht hatten. 140.000 mussten zurückgeholt werden, zahlreiche Reisen konnten erst gar nicht angetreten werden.

Der Reputationsschaden für die Reisebranche ist gewaltig. Dazu kommt, dass sich der rechtliche Insolvenzschutz für Pauschalreisende, auf den die Anbieter nur allzu gern verweisen, als löchrig erweist. Wer 1.000 Euro für geplante Ferien bezahlt hat und trotz Sicherungsschein nur 400 Euro, 300 Euro oder weniger zurückbekommt, wird das spüren, warnte die FAZ.

Verbraucherschützer fordern bessere Absicherung, aber …

Auch die Verbraucherzentrale Bundesverband (Vzbv) reagierte mit ungewöhnlich heftiger Kritik am Staat. „Der Höchstbetrag der Absicherung von 110 Millionen Euro pro Reiseveranstalter und Jahr muss deutlich angehoben werden, denn ob der Betrag bei der Pleite eines Branchenschwergewichts ausreicht, ist nicht sicher“, warnte Vzbv-Vorstand Klaus Müller.

Das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz habe vor drei Jahren angekündigt, ein Gutachten darüber einzuholen, ob und um wieviel der Höchstbetrag angehoben werden muss. „Bis heute liegt kein Gutachten vor“, so Müller weiter. Die Bundesregierung müsse endlich dafür sorgen, dass alle Pauschalreisenden im Falle der Insolvenz eines großen Reiseanbieters ein zu 100 Prozent verlässliches Sicherheitsnetz haben.

Tatsächlich muss der im Fall von Thomas Cook involvierte Versicherer Zurich gesetzlich mit maximal 110 Millionen Euro haften (Paragraf 651r BGB). Andere Reisepreisversicherer hatte Thomas Cook nicht eingeschaltet. Kundenforderungen könnten sich aber auf das Drei- bis Vierfache summieren. Der Reisepleitenfonds reicht also „bei weitem nicht aus, um die Ersatzansprüche aller Kunden der insolventen Thomas-Cook-Gesellschaften vollständig zu befriedigen“, schreibt die mit der Abwicklung von Ansprüchen von Zurich beauftragte Kaera AG. Zurich selbst aktualisiert ständig seine Informationen zum Fall im Internet.

Das Gesetz sieht in diesem Fall vor, dass der Erstattungsbetrag quotiert, also anteilig gekürzt wird (Paragraf 651r Absatz 3 Satz 4 BGB). „Die Quote kann derzeit noch nicht ermittelt werden, da der Großteil der Ansprüche noch nicht angemeldet wurde“, ließ Karea diese Woche verlauten. Eine belastbare Aussage zur Gesamtschadenhöhe und damit den Quoten für die einzelnen Kunden „werde noch etwas dauern“.

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