„Cyber kann das Einstiegsgeschäft für Makler sein“

Berater Versicherungen Top News von Carla Fritz

procontra: Hat sich die Anfangseuphorie gelegt, weil auch Anbieter von Cyberschutz aus Schaden klug werden?

Baumeister: Auch auf Seiten der Gesellschaften wird das Risikobewusstsein natürlich durch Schadenerfahrungen geprägt. Was macht der Versicherer üblicherweise? Er prüft: Wie lief das Geschäftsmodell in den letzten fünfzehn Jahren – mit welchen Schäden? Welche Beitragseinnahmen stehen dahinter? Wie kann das Unternehmen sein Risiko beherrschbar machen, ohne die Kunden im Regen stehen zu lassen? Entweder über die Prämie oder über den Umfang des Versicherungsschutzes? Bei Cyber fehlt logischerweise valides Zahlenmaterial. Das ist und bleibt marktweit die Herausforderung. Dazu kommt ein sich sehr schnell entwickelndes volatiles Marktumfeld.

procontra: Können Sie darauf näher eingehen?

Baumeister: Zum einen entwickeln sich die Cyberprodukte auf Anbieterseite weiter. Über das eine oder andere Alleinstellungsmerkmal versuchen die Gesellschaften, sich am Markt zu platzieren. Zum anderen – das halte ich fast für den wichtigeren Punkt – haben wir es bei Cyber mit wesentlich kürzeren Zyklen zu tun, in denen sich die Risikolage, oft sprunghaft, ändert. Weil sich erstens die Technik ändert: Vor zehn Jahren war etwa an eine Cloudlösung noch nicht zu denken. Zweitens entwickelt sich das Thema auch auf der Angreiferseite deutlich schneller und zugleich nicht absehbar weiter. Für die Versicherungswirtschaft eine Blackbox.

procontra: In den Untersuchungen kamen auch Rolle und Qualität der IT-Dienstleister zur Sprache.

Baumeister: Das Problem sind nicht unbedingt die digitalen Dienstleister. Was insbesondere bei Arztpraxen ein Problem sein kann – wenn im Softwarebereich eine IT-Monokultur besteht: also beispielsweise 90 Prozent der Ärzte das gleiche Abrechnungsprogramm benutzen und genau dieses Programm angegriffen wird. Dann gibt es bundesweit bis zu mehrere Tausend oder Hunderttausend Betroffene.

procontra: Wo sehen Sie in diesem schwierigen Umfeld den Makler?

Baumeister: Wichtig für die Maklerschaft ist erstens keine Scheu, das Thema Cyber beim Kunden anzusprechen. Im Zweifel macht es sonst ein anderer Vermittler. Schließlich kommt man nicht mit dem fünften Haftpflichtangebot um die Ecke. Es ist ein Beratungsthema, mit dem man sich neu platzieren und darüber den Einstieg bekommen kann.

Was wir – im Vergleich zu den klassischen Sparten – immer wieder feststellen und den Vertrieben gern mitgeben: Dort haben Kollegen Schadenbeispiele aus dem Effeff an der Hand. Diese Leichtigkeit fehlt bei Cyber noch. Deshalb zweitens vorher Gedanken machen: Was passiert beim Kunden, wenn er morgen den Rechner anschaltet und die Daten sind weg oder verschlüsselt? Welche Auswirkungen hat das für die Klientel des Maklers? Das muss man für jede Branche herausfinden.

procontra: Was fällt Ihnen dazu auf Anhieb ein?

Baumeister: Bei einem produzierenden Betrieb würde ich sehr stark auf Betriebsunterbrechung eingehen, wenn etwa Konstruktionsdaten verschlüsselt sind. Beim Arzt natürlich auf die Verpflichtung zum Schutz der hochsensiblen Patientendaten beziehungsweise zu einer adäquaten Reaktion, wenn doch einmal etwas schiefgeht. Bei einer Hotelkette betrifft das die dort verwalteten Kreditkartendaten. Oder: Was passiert, wenn die Buchungen der letzten sechs Monate plötzlich weg sind und nacherfasst werden müssen? So muss man versuchen, Schadenbeispiele herzuleiten, sich abhängig von Kunden und Branche im Vorfeld eine Argumentationskette überlegen.

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