Allein die PKV wird täglich tausendfach betrogen

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Auch die Private Krankenversicherung ist vor Betrügern nicht gefeit. Jan Franke, Gründer des Jenaer Unternehmens Ico-Lux, das sich auf Betrugserkennung spezialisiert hat, schätzt, dass rund ein Prozent aller Belege in der privaten Krankenversicherung gefälscht ist. Nimmt man nur die zehn größten privaten Krankenversicherer in Deutschland, käme man so bereits auf einen jährlichen Schaden in Höhe von 200 Millionen Euro.

Schnell ist mittels Photoshop oder PDF-Editor eine Arztrechnung bearbeitet, der Rechnungsbetrag erhöht oder das Datum manipuliert, so dass die gleiche Rechnung einen Monat später erneut eingereicht werden kann. Betrüger machen sich dabei vor allem die hohe Anzahl von Belegen zunutze, die tagtäglich bei den Versicherern eingehen. „Bei einem unserer Kunden sind das 200.000 am Tag“, sagt Franke. Deren Verarbeitung erfolgt meist vollautomatisch – eine aufwendige Betrugskontrolle findet somit nicht statt.

Die Jenaer Firma, die derzeit in einem Pilotprojekt mit zwei privaten Krankenversicherern zusammenarbeitet, schaut sich die eingehenden Belege deshalb ganz genau an. Nicht nur den Inhalt – sondern den Beleg als solchen. Mittels Computer-Vision-Technologie und KI-Algorithmen werden die erstellten Bilddateien auf Indikatoren wie Schriftarten, Liniendicken oder die Logos von Ärzten abgeklopft. „Über 100 Merkmale werden hier überprüft“, berichtet Franke. Entdeckt die Software Abweichungen zu vorher eingereichten Belegen, wird Alarm ausgelöst.  Bis Ende des Jahres soll die Software ihre Marktreife erreicht haben, doch bereits jetzt stellt ihre Betaversion Unregelmäßigkeiten fest. „Wir konnten in diesem Jahr bereits einen Schaden für die Versicherer in Höhe von 100.000 Euro verhindern“, zeigt sich Franke zufrieden.

Psyche entscheidend

Mit Verhaltenspsychologie versucht es indes das amerikanische StartUp Lemonade, das seit Juni auch in Deutschland Hausrat- sowie Privathaftpflichtversicherungen vertreibt. Zu diesem Zweck haben die Amerikaner den berühmten Psychologen Dan Ariely ins Produktdesign eingebunden. Versicherungsnehmer müssen, bevor sie ihren Schaden melden können, zuerst in der App bestätigen, dass ihr Anliegen aufrichtig ist. Priming nennt man diese Art der Beeinflussung, bei der mittels eines Vorreizes die Richtung der weiteren Gedanken beeinflusst werden soll. Zudem muss der Kunde sein Anliegen mithilfe eines Selfie-Videos schildern. Auch hierdurch sinke die Wahrscheinlichkeit für einen Betrug, zeigt sich Lemonade überzeugt.

Auch in Deutschland kann über die Produktgestaltung Prävention betrieben werden, beispielweise durch eine Beitragsrückgewähr bei Schadensfreiheit. „Das könnte auch abseits der Krankenversicherung Anwendung finden“, glaubt Tacke. Am Ende liege der Erfolg aber wohl in der Kombination aus Verhaltensforschung und technischer Lösung.

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