Wohnungsnot: "Enteignungsdebatte ist ein Tabubruch"

Sachwerte Top News von Alexandra Jegers

In vielen deutschen Städten ist bezahlbarer Wohnraum Mangelware. Im Interview erklärt Michael Voigtländer, Immobilienökonom am Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln, wie sich die Preisspirale auf dem Mietmarkt stoppen lässt, und warum Enteignung das falsche Mittel ist.

Voigtländer IW Köln Wohnungsbau Wohnungsnot

Welche Folgen hätten Enteignungen von Wohnraum? Dazu Michael Voigtländer im Interview. Bild: IW Köln

procontra: Herr Voigtländer, in Deutschland spitzt sich die Diskussion um bezahlbaren Wohnraum zu. In Berlin sind Anfang Mai rund 2.000 Demonstranten durchs Villenviertel in Grünwald gezogen, um für die Enteignung der großen Wohnungsbaugesellschaften zu protestieren. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie solche Bilder sehen?

Michael Voigtländer: Um ehrlich zu sein, bin ich schon etwas schockiert. Die Enteignungsdebatte ist ein Tabubruch. Bei der Diskussion geht es nämlich nicht darum, Eigentümern ihr Grundstück zu nehmen, um beispielsweise eine neue Bahntrasse zu bauen. Die Demonstranten wollen die Besitzverhältnisse auf dem deutschen Wohnungsmarkt von Grund auf neu ordnen. Eine solche Denkweise kennt man sonst nur aus dem Sozialismus. Die Forderungen der Aktivisten finde ich hochproblematisch, weil es sich bei Enteignungen nach ihrem Modell um einen Eingriff handelt, der nicht in unsere Wirtschaftsordnung passt.

procontra: Können Sie denn den Ärger der Mieter nachvollziehen?

M. Voigtländer: Natürlich verstehe ich, dass den Menschen das Thema Wohnen nahe geht und sie sich Sorgen machen. In Berlin haben sich die Mieten in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt. Für Menschen, die schon lange in der Bundeshauptstadt leben, ist das eine schwierige Situation.

procontra: 2017 war Berlin die Stadt mit den am stärksten steigenden Mieten weltweit – noch vor Paris, Hongkong oder London. Wie lässt sich das erklären?

M. Voigtländer: Man muss die Mietpreissteigerungen ins Verhältnis setzen: Berlin ist von einem sehr niedrigen Niveau gestartet. Verglichen mit Metropolen wie München oder Köln ist die Stadt auch heute noch günstig. Europaweit gibt es keine andere Hauptstadt, in der die Mieten so niedrig sind. In der Regel folgen die Mietpreise dem Gesetz von Angebot und Nachfrage: Wenn viele Menschen um Wohnraum konkurrieren, steigen die Preise.

procontra: Jedes Jahr ziehen 40.000 Menschen neu in die Hauptstadt.

M. Voigtländer: Genau. Hinzu kommt: Berlin hat durch seine Geschichte eine einzigartige Geographie. Durch die Teilung waren die zentralen Stadtviertel jahrzehntelang extrem unattraktiv. Keiner wollte in der Nähe der Mauer wohnen. Das hat sich heute grundlegend geändert, weshalb die Mieten gerade in Stadtteilen wie Friedrichshain oder Kreuzberg überdurchschnittlich angezogen haben.

procontra: Welche Schuld trifft die Vermieter?

M. Voigtländer: Natürlich gibt es Vermieter, die sich nicht redlich verhalten und die Heizung ausschalten, um Mieter rauszuekeln oder teure Luxussanierungen durchführen, die Mieten explodieren lassen. Das mögen Einzelfälle sein. In Summe erklären sie jedoch die Wut der Menschen auf der Straße.

Seite 1: Welche Schuld trifft die Vermieter?
Seite 2: Kompensation entscheidend

  • Facebook Kommentare
  • Disqus Kommentare