Urteil: Darf man sich auf einen Sachverständigen verlassen?

Berater Recht & Haftung von Martin Morgenstern

Nach einem Unfall ist es ratsam, einen Sachverständigen hinzuzuziehen, der den Schaden begutachtet. Ob man sich auf sein Urteil verlassen darf, hatte nun das Amtsgericht Bergisch Gladbach zu entscheiden.

Haben Sachverständige immer recht?

Sind Gutachten auch verbindlich, wenn sie zu einer Fehleinschätzung führen?

Ein Mann hatte mit seinem PKW einen Verkehrsunfall. Die Haftungsfrage war unstrittig: Die Unfallschuld lag bei einem anderen Verkehrsteilnehmer. Um den genauen Schaden zu ermitteln, ließ der Mann ein Sachverständigen-Gutachten erstellen. Darin wurden sowohl der Wiederbeschaffungswert als auch die unfallbedingten Reparaturkosten aufgeschlüsselt. Laut des Gutachtens lag beim PKW ein Totalschaden vor, der aber im Rahmen der „130-Prozent-Grenze“ repariert werden könnte. Das bedeutet, dass die Reparaturkosten den Wiederbeschaffungswert um nicht mehr als 30 Prozent übersteigen. Der Mann war also berechtigt – gemäß des Gutachtens – die Reparatur in Auftrag zu geben.

Das Problem

Die Kfz-Haftpflichtversicherung des Unfallgegners ließ das Fahrzeug durch einen eigenen Sachverständigen begutachten. Das Ergebnis: Der Wiederbeschaffungswert sei geringer als vom ersten Gutachter festgestellt. Demzufolge würde die „130-Prozent-Grenze“ nicht mehr eingehalten werden und der Mann hätte dem Wagen gar nicht reparieren dürfen. Die Versicherung weigerte sich, den Schaden zu übernehmen. Selbst die Kosten für das vermeintlich unbrauchbare Sachverständigen-Gutachten wollte das Unternehmen nicht übernehmen.

Das Urteil

Der Mann klagte vor dem Amtsgericht Bergisch Gladbach (AZ.: 68 C 302/18) und bekam Recht. Als Laie dürfe sich der Mann auf die Angaben einen Sachverständigen verlassen. Der Einwand des gegnerischen Versicherers, der Wiederbeschaffungswert des Fahrzeugs sei tatsächlich geringer gewesen, ist damit unerheblich. Zudem müsse der Versicherer auch die Kosten für das erste Gutachten übernehmen. Selbst wenn es sich hierbei um eine unzutreffende Einschätzung des Sachverständigen handelt.

Zudem hatte der Versicherer beanstandet, dass die Reparatur nicht sach- und fachgerecht durchgeführt worden sei. Doch auch das ist nach Auffassung des Gerichts unerheblich. Die Schadenbeseitigung durch eine Werkstatt liegt grundsätzlich nicht mehr im Einflussbereich des Geschädigten.

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