„Insgesamt müssten sich viel mehr von uns Schlipsträgern aufraffen“

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procontra: Wer betreut denn in Ihrer Abwesenheit Ihre Kunden? Rechnen Sie durch Ihren Einsatz mit hohen Umsatzeinbußen?  

Isler: Wenn ich auf See bin, kann ich nicht arbeiten, klar. Aber meine Kollegen betreuen meine Kundinnen und Kunden. Sie stehen hinter dem was ich tue und tragen mein Engagement.  Ich habe noch viele Jahre Zeit, mehr Geld zu verdienen. Meine Aufgaben bei Sea-Eye sind für mich genauso wichtig, auch wenn ich dafür keine Entlohnung bekomme. Man kann nicht alle Probleme dieser Welt mit Geld lösen. 

procontra: Wie reagieren Ihre Kunden und Kollegen in der Versicherungsbranche auf Ihr Engagement? 

Isler: Es gibt ausschließlich positive Reaktionen. Vermutlich schweigen die Kunden, denen es nicht gefällt? Ich bekam viele E-Mails und SMS. Viele Kunden spenden und stellen Fragen. Ich hole dieses schwierige Thema nun auch in ihr Leben, weil sie einen dieser Seenotretter kennen.  

Meine Kollegen in der Firma unterstützen mich. Ansonsten bekomme ich von anderen Kollegen wenig Feedback. Einige wenige kommen mir mit der Pull-Faktoren-These und lehnen es ab, sich wissenschaftliche Studien anzusehen. Sie wollen zum Selbstschutz unbedingt weiter daran glauben, dass Rettungskräfte Leid verursachen, statt es zu lindern. Ich gebe da sehr schnell nach, weil ich kein Missionar bin. Ich konzentriere mich auf Menschen, die mir Kraft geben und nicht auf jene, die sie mir nehmen wollen.

procontra: Kennen Sie noch mehr Menschen aus der Versicherungsbranche, die sich aktiv an der Seenotrettung beteiligen?  

Isler: Bei Sea-Eye gibt es tatsächlich einige Versicherungskaufleute, die an Missionen teilgenommen haben. Insgesamt müssten sich viel mehr von uns Schlipsträgern aufraffen und begreifen, dass wir Fähigkeiten haben, die von Hilfsorganisationen unterschiedlichster Art gebraucht werden können. Allein die Fähigkeit Menschen anzusprechen, Spenderinnen und Spender zu gewinnen oder ohne Scheu den Telefonhörer anzuheben, um jemanden anzurufen und ein Problem zu lösen, das täte vielen NGOs gut.

procontra: Die Versicherungsbranche steht im Kern dafür, Menschen vor Schaden zu bewahren. Sollte sich die Branche aus Ihrer Sicht mehr dafür einsetzen, Menschen vor dem Ertrinken zu retten? Falls ja, was könnte sie tun?  

Isler: Nun, im Prinzip liegt das ja nahe beieinander. Vielen Versicherungsmaklern ist vermutlich gar nicht klar, wie sozial unser Beruf sein kann und wie wichtig es ist, dass wir keine Fehler machen. Wie hoch die Verantwortung für die Menschen ist, die sich uns anvertrauen. Es liegt eigentlich so nahe, dass man sozialen Fragen gegenüber offen ist. Letztlich  versichern Versicherer unsere Schiffe, unsere Rettungsboote, unsere Crews und auch unsere Vorstände. Ich weiß aber zu wenig über das Engagement meiner Branchenkollegen. Man kann das vermutlich nicht am Beruf festmachen. Es ist eine Frage der Haltung. Die hat man, oder man hat sie eben nicht.     

 

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