„Die Politik droht Vermittler ins berufliche Abseits zu stellen“

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Harald Christ war bis Ende 2017 Vertriebsvorstand bei Ergo und engagiert sich seitdem wieder verstärkt politisch. procontra sprach mit dem Präsidiumsmitglied des SPD-Wirtschaftsforums über die Provisionsdeckel-Pläne und die Rolle der Vermittler.

Der frühere Ergo-Vertriebsvorstand Harald Christ sieht in einem Provisionsdeckel für die Lebensversicherung die falschen Signale.

Der frühere Ergo-Vertriebsvorstand Harald Christ sieht in einem Provisionsdeckel für die Lebensversicherung die falschen Signale. Bild: Wirtschaftsforum der SPD e.V. / Nanna Heitmann

procontra: Das Bundesministerium der Finanzen (BMF) hat dieser Tage den Referentenentwurf für einen Provisionsdeckel in der Lebensversicherung vorgelegt. Wie interpretieren Sie diesen inhaltlich?  

Harald Christ: Wir lehnen einen gesetzlichen Provisionsdeckel weiter ab, da dieser nicht sachgerecht ist und die Notwendigkeit einer flächendeckenden Beratung der Bürger mit Blick auf deren Altersversorgung gefährdet. Der Referentenentwurf aus dem Bundesfinanzministerium nimmt nach wie vor Einkommenseinbußen bei einer ganzen Berufsgruppe in Kauf. Dabei erzielen die Vermittler von Lebensversicherungen durch regulatorische Eingriffe bereits jetzt weniger Einkommen.  

Gleichzeitig sind die qualitativen und administrativen Anforderungen an den Berufsstand deutlich gestiegen. Demzufolge ist die Anzahl der Vermittler allein im ersten Quartal 2018 um rund 7.000 geschrumpft. Wir brauchen aber eine flächendeckende Beratung bei der Vermittlung von Vorsorgeprodukten, um die private und teils auch staatlich geförderte Säule der Altersvorsorge zu stärken.  

procontra: Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass es überhaupt zu einem Provisionsdeckel kommen wird?  

Christ: Der Referentenentwurf geht jetzt in die Ressortabstimmung. Wir müssen abwarten, wie die Gesetzesvorlage aussieht, über die dann abgestimmt wird. Und wie die Gerichte am Ende entscheiden. Branchenvertreter haben angekündigt, das Gesetz prüfen zu lassen. Auch für uns verstößt ein gesetzlicher Provisionsdeckel unter anderem gegen das Grundrecht auf Gewerbefreiheit. Da sprechen die Rechtsgutachten der Verbände eine eindeutige Sprache. Ob eine gesetzliche Obergrenze für Provisionszahlungen bei Lebensversicherungen noch vor einer Abstimmung im Bundestag verhindert werden kann, ist aus heutiger Sicht ungewiss. Wie jedes Gesetz muss aber auch dieses einer gerichtlichen Überprüfung standhalten.  

procontra: Könnte ein Deckel in der jetzt vorgelegten Form beschlossen werden oder müsste hier noch vieles nachgebessert werden?

Christ: Das Bundesfinanzministerium ist zuletzt von einem starren Provisionsdeckel abgerückt und folgt dem Vorschlag eines Korridors: Die Obergrenze soll zwischen 2,5 und 4,0 Prozent der Bruttobeitragssumme liegen. Das spricht für größere Vorsicht bei den Verfassern. Im Referentenentwurf werden für den Deckel außerdem Positivmerkmale genannt: geringe Stornoquote, wenige Kundenbeschwerden, umfassende Beratung. Das ist mir aber etwas zu schwammig formuliert. Ich fürchte, das führt zu noch größerer Intransparenz, da die Unternehmen das selbst einschätzen sollen. Da muss nachgebessert werden. Das Gleiche gilt für die Einbeziehung der Einmalbeiträge oder die Regelung zur Restschuldversicherung. Gerade letztere überspannt den Bogen deutlich.  

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