Versicherungsvermittler: Stress als Berufskrankheit?

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Lange Arbeitszeiten, mangelhafte Software, schwierige Kunden und Kollegen... damit argumentierte ein Versicherungsvertreter im Streit um die Anerkennung von Depressionen und Burnout als Berufskrankheit. Wie das Landessozialgericht Bayern entschied.

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Sind Depressionen eine stressbedingte Berufskrankheit bei Versicherungsvermittlern? pixabay / geralt

Verursacht eine berufliche Tätigkeit eine Berufskrankheit, kann Anspruch auf Entschädigung aus der gesetzlichen Unfallkasse bestehen. Das begehrte auch ein Mann, der als Versicherungsvermittler tätig war. Er hatte 1993 seine Ausbildung begonnen und 1995 selbstständig einen Kundenstamm übernommen. Berufsbegleitend machte er einen Abschluss zum Versicherungsfachwirt. Dann, nach dem Verkauf „seiner“ Versicherung, die ihn ausgebildet hatte, verschlechterten sich die Umstände schleichend.

So habe nach der Umstellung auf Computer vieles in der Software nicht mehr funktioniert. Außerdem sei die Auftragsbearbeitung in der Zentrale häufig fehlerhaft gewesen, was für ihn viel Arbeit bedeutet habe. Als weitere Stressfaktoren benannte der Vermittler: lange Arbeitszeiten, den Umgang mit teilweise "schwierigen" Kunden, fehlenden Rückhalt bzw. Desinteresse von "Vorgesetzten", eine mangelhafte technische und Softwareunterstützung, eine problematische Zusammenarbeit mit "Kollegen" im Innendienst (mit häufig fehlerhafter Erstellung von Versicherungspolicen in der Zentrale), ein Gefühl der Fremdbestimmtheit sowie einen Wechsel in den Arbeitsabläufen. In diesem Zusammenhang hob der Vermittler ganz besonders den Aspekt hervor, dass diese Stressoren für ihn zu Zeitverlusten bzw. Mehrarbeit geführt haben, die er als Selbstständiger nicht vergütet bekommen habe und daher für ihn einen finanziellen Verlust bedeutet hätten.

Depressionen und Neurasthenie als Berufskrankheit?

2014 zeigte der Versicherungsfachwirt den Verdacht auf Berufserkrankung bei der Berufsgenossenschaft an, bei der er freiwillig versichertes Mitglied war. Diese lehnte die Anerkennung als Berufskrankheit ab. Begründung: Die geltend gemachten Erkrankungen seien nicht in der Berufskrankheiten-Liste aufgenommen. Zudem gäbe es keine gesicherten medizinischen Erkenntnisse darüber, welche Krankheitsbilder durch Stress verursacht würden und welcher Personenkreis hiervon besonders betroffen wäre. Insbesondere lägen keine Anhaltspunkte vor, dass die Tätigkeit als Versicherungsfachwirt im Vergleich zur übrigen Bevölkerung ein höheres Risiko berge, an Depressionen oder Neurasthenie zu erkranken.

Wie das Gericht entschied

Das Sozialgericht Regensburg hatte sich der Argumentation der Berufsgenossenschaft angeschlossen und das Begehren des Vermittlers negativ beschieden. Dagegen richtete sich die Berufungsklage des Vermittlers. Doch auch vor dem Bayerischen Landessozialgericht (LSG) scheiterte der Mann. Nach Einholung von zwei Sachverständigengutachten auf psychiatrischem und psychotherapeutischem Fachgebiet stellte das LSG fest, dass beim Kläger keine in der Berufskrankheiten-Liste erfasste Erkrankung vorliege. Die vom Kläger geltend gemachten Depressionen, aber auch das Burnout-Syndrom sowie die Neurasthenie seien daher nicht als Berufskrankheiten aufgrund von Stress anzuerkennen. Es lägen auch keine gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnisse vor, die eine Entschädigung als sogenannte „Wie-Berufskrankheit“ ermöglichen würden. Da die gesetzliche Regelung im Unfallversicherungsrecht (§ 9 Abs. 2 SGB VII) keinen Auffangtatbestand und keine allgemeine Härteklausel beinhalte, genüge es nicht, wenn in einem Einzelfall berufsbedingte Einwirkungen die rechtlich wesentliche Ursache einer nicht in der Berufskrankheiten-Liste enthaltenen Krankheit sei.
Aktenzeichen: L 3 U 233/15

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