"Für den konservativen Sparbuchsparer sind Bitcoins völlig ungeeignet"

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procontra: Können private Anleger von den mitunter enormen Gewinnen von Bitcoin und Co. trotzdem profitieren oder sollte die Volatilität vor einem Investment abschrecken?    

Scholz: Das kommt auf den Anlegertyp an: Für einen konservativen Sparbuchsparer sind der Bitcoin und andere Kryptowährungen völlig ungeeignet. Spekulative Anleger, die auch sonst in Nebenwerte, Technologieaktien, Optionsscheine oder Hebelzertifikate investieren, werden sich von der hohen Volatilität nicht abschrecken lassen. Ganz im Gegenteil: Sofern es sich um erfahrene Privatanleger handelt, die ihre Positionen begrenzen und sich der Risiken bewusst sind: warum nicht?  

procontra: "Kryptowährungen werden über kurz oder lang Gegenstand von Gesetzgebung werden, ob zum Beispiel zum Verbraucherschutz oder zu Steuerfragen", meint Bundesbank-Vorstand Joachim Wuermeling. Ist eine staatliche Regulierung auch in Europa wirklich sinnvoll?  

Scholz: Ich stehe staatlicher Regulierung sehr skeptisch gegenüber: Meiner Meinung nach wird zu viel reguliert, was eigentlich durch gesunden Menschenverstand geregelt werden kann. Die oberste Devise lautet: Investiere in kein Instrument, dass Du nicht verstehst.   Die Frage ist ja, was genau reguliert werden soll und warum. Steht da der Schutz der Bürger im Vordergrund oder ist es eher der Schutz der eigenen Währung? Aus Verbrauchersicht wird zu viel reguliert: Man betrachte nur den Bürokratiewahnsinn rund um MiFID II. Einen wirksamen Verbraucherschutz sehe ich hier nicht, nur eine juristische Papierschlacht.  

procontra: Der erste Gedanke bei Kryptowährungen fällt nicht unbedingt auf das Thema Umwelt. Dabei wird der Stromverbrauch für die weltweite Produktion von Kryptowährungen 2018 mit dem jährlichen Stromverbrauch von Argentinien gleichgesetzt. Inwieweit wird das die Entwicklung von Kryptowährungen beeinflussen?  

Scholz: Tatsächlich ist der Stromverbrauch in der Blockchain enorm. Dadurch, dass es viele Knoten gibt und die Datenmenge und Transaktionen ansteigen, ist der Energiehunger ungebremst. Daher ist das Mining in Ländern wie Deutschland auch schnell unprofitabel. Momentan scheint der Energiepreis ein weiterer limitierender Faktor für die Größe einer Blockchain: Durch die steigenden Energiekosten könnten sich die Transaktionskosten erhöhen bzw. die Transaktionsgeschwindigkeit verlangsamen. Hier besteht noch Potenzial für neue Generationen an Kryptowährungen, das Problem des Energiebedarfs zu mitigieren.   

procontra: Alles spricht derzeit stets von Bitcoins, dabei ist sie nur eine Kryptowährung unter vielen. Welche anderen Währungen halten Sie für interessant und warum?  

Scholz: Aktuell ist der Markt bereits vielfältig und er wird noch größer – und unübersichtlicher. Es scheint so, als ob es fast täglich Initial Coin Offerings (ICO) gibt. Dabei muss man sich schon fragen, welche Motivation es gibt: Wollen die Schöpfer lediglich auf den fahrenden Zug aufspringen oder gibt es wirklich nützliche Features?   Spannend finde ich Blockchains, die zusätzliche Features bieten, wie z.B. Ethereum, die sogenannte Smart Contracts ermöglicht oder Kryptowährungen, die ein bestimmtes Asset verbriefen, wie z.B. Cloudspeicher. Interessant wären auch „energieeffiziente“ Blockchains.  

procontra: Immer mehr Länder denken öffentlich über ein Verbot der Bitcoins nach. Wie ist diese Entwicklung zu bewerten?  

Scholz: Kryptowährungen bieten die Chance, Geld zu demokratisieren und aus dem Einflussbereich des Staates zu reißen. Es wäre durchaus vorstellbar, dass Netzwerke oder aber private Unternehmen in Zukunft Kryptowährungen emittieren, die Euro, US-Dollar und Co. den Rang ablaufen. Das birgt natürlich spannende Implikationen. Die Neigung, Kryptowährungen zu verbieten um auch die Steuereinnahmen zu sichern und die Kontrolle zu behalten wird sicherlich noch zunehmen. Je schwächer und unbeliebter die nationale Währung ist, desto höher wird die Bereitschaft der Bürger dieses Währungsraums sein, in eine Kryptowährung zu wechseln. Hier sind noch viele spannende Fragen offen.

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