Smartphones werden zu "Smart Weapons"

Cyberversicherung Themenseite von Jula Thiem

Gerüchte, Lügen, Drohungen, Ausgrenzungen oder psychischer Druck – das traditionelle Mobbing findet heute überwiegend online über soziale Netzwerke und digitale Kommunikationskanäle statt, erklärt Cyberpsychologin Dr. Catarina Katzer.

procontra: Frau Katzer, wie real sind die Gefahren des Cybermobbings?

Dr. Catarina Katzer: Sie sind sehr real mit teils dramatischen Konsequenzen, da sich die Opfersituation vollkommen verändert hat. Der Öffentlichkeitsgrad ist extrem hoch, sehr viele Menschen können sehen, was mit den Betroffenen passiert. Zudem vergisst das Netz nichts – was einmal online geht, kann nicht mehr wirklich gelöscht werden. Es entsteht sozusagen eine ‚Endlosviktimisierung’, da sich die Betroffenen nie ganz sicher sein können, ob das Material nicht doch irgendwann wieder auftaucht.

procontra: Betroffen sind dabei vor allem Kinder und Jugendliche?

Katzer: Nicht mehr ausschließlich. Cybermobbing ist mittlerweile ein gesamtgesellschaftliches Problem. Gerade im beruflichen Umfeld spielt Cybermobbing eine immer größere Rolle. Sieben Prozent der erwachsenen Internet-User in Deutschland geben laut einer Studie des Bündnis gegen Cybermobbing an, es selbst erlebt zu haben, 20 Prozent, es beobachtet zu haben. Mit Blick auf Kinder und Jugendliche sind die Zahlen allerdings noch alarmierender: Jeder Siebte zwischen sechs und 18 Jahren hat Cybermobbing erlebt. Das sind rund 1,5 Millionen Betroffene. Im Alter zwischen 14 und 16 Jahren wurde sogar jeder Vierte schon einmal Opfer von Mobbing im Netz. Und aufgrund der Tatsache, dass Kinder immer früher Smartphones bekommen, sind mittlerweile auch schon Grundschulen vermehrt betroffen.

procontra: Ist diese frühe technische Ausstattung ein Grund, warum das Risiko immer mehr zunimmt?

Katzer: Ja, denn durch Smartphones und Apps wird Cybermobbing kinderleicht: Einfach auf ein Knöpfchen drücken und ein Foto hochladen. Die Tätersituation hat sich somit völlig verändert. Das ist bedenklich. Grundschüler können die Auswirkungen in der Regel gar nicht abschätzen, die es hat, wenn man ein Bild weiter verschickt – finden es vielleicht einfach nur lustig. Zudem sind diese Handlungen anonym, finden nicht von Angesicht zu Angesicht statt. Somit entsteht eine Distanz zu den Opfern, was eine geringere digitale Empathie, aber auch eine Distanz zu sich selbst zur Folge hat  – man sieht sich nicht als Täter.

procontra: Was können Betroffene tun?

Katzer: Am wichtigsten ist es, nicht zu schweigen. Man sollte unbedingt mit einer Vertrauensperson reden oder Hilfe bei einer Beratungsplattform suchen. Und auch wenn wir in Deutschland kein eigenes Cybermobbinggesetz haben: Viele Fälle sind Straftatbestände. Daher sollte man auch Beweise sichern, Anbieter und die Internetbeschwerdestellen der FSM (Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia-Dienstanbieter e.V.) und des Eco Verbandes informieren sowie einen Rechtsanwalt einschalten und Strafanzeige stellen. 

procontra: Mittlerweile sichern auch einige Cyberversicherungen den Aspekt Cybermobbing mit entsprechenden Hilfsangeboten für Betroffene ab. Halten Sie eine solche Lösung für eine sinnvolle Unterstützung? 

Katzer: Aus meiner Sicht sind Cybermobbingversicherungen nur eine bedingte Hilfe. Es handelt sich meist nur um einen Rechtsschutz, psychologische Beratung über einen längeren Zeitraum ist nicht Bestandteil. Das man allerdings rechtliche Hilfe in Anspruch nehmen kann ist durchaus sinnvoll

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